Kommentar der Münchner Abendzeitung am 6. September 1972

 

Nacht über München

 

von Karsten Peters

 

 

Der 5. September 1972 ist der dunkelste Tag in der Geschichte Münchens. Und das in jedweder Beziehung.

 

Da dringen arabische Amokläufer der Aktion "Schwarzer September" in das Olympische Dorf ein, erschießen zwei Israeli und greifen sich neun weitere als Geiseln. Der olympische Traum von den "heiteren Spielen” ist ausgeträumt. Endgültig. Der blutige Terrorakt ruft weltweit Entsetzen, Abscheu, Trauer und grenzenlose Bitterkeit hervor. Und das Gefühl kalter Wut über die allgemeine Ohnmacht.

 

Die Mehrheit der Menschen steht einer kleinen Minderheit von politischen Wahnsinnstätern schier machtlos gegenüber. Und schon werden Stimmen heftiger Kritik an den Sicherheitsvorkehrungen in München laut. Verständlich. Doch wer wirft den ersten Stein? Hat nicht auch Israel, der wohl bestbewachte Staat dieser Welt, das Blutbad auf dem Flughafen von Lod hinnehmen müssen? Millionen verfolgten das zähe, zeitraubende Verhandeln mit den Guerillas‚ die zu allem entschlossen waren. Das Ultimatum wurde von Stunde zu Stunde verschoben. Und schließlich kam das Ausfliegen von Terroristen und Geiseln zum Flughafen Fürstenfeldbruck. Und hier begann der zweite Akt in Münchens dunkelstem Drama.

 

Widersprüchliche Nachrichten jagen sich; eine Meldung dementiert die andere. Eine totale Nachrichten-Sperre wird verhängt. Und spätestens jetzt wittert jeder: Hier stimmt was nicht. Am heutigen frühen Morgen gegen drei Uhr ließen sie dann die Katastrophenmeldung aus dem Sack – Bundesinnenminister Genscher (FDP), Bayerns Innenminister Merk (CSU) und Münchens Polizei-Chef Dr. Manfred Schreiber (SPD): Alle Geiseln sind tot...

 

Man hat heute morgen Menschen weinen gesehen. Unbeteiligte, Unpolitische, Unsentimentale. Sie weinten über eine Tragödie und über ihre Verschleierung.

 

Denn das, was die Verantwortlichen auf jener Pressekonferenz mit gewundenen Formulierungen zu erklären suchten, das war jedem seit Stunden klar, der noch einen Funken Verstand sein Eigen nennt.

 

Warum, so muss man sich fragen, hat man so lange gezaudert, mit der bitteren Wahrheit an die Öffentlichkeit zu treten? Warum hat man sträflicherweise zugelassen, dass Israels Regierung sich für die Befreiung der Geiseln bedankt, wo man doch längst wusste, dass sie alle tot waren? Warum legte man ein so schlechtes Gewissen an den Tag, das man überhaupt nicht haben musste?

 

Hätten Bonn, das Land Bayern und die Stadt München die Terroristen mit ihren Gefangenen nach Kairo oder Tunis oder sonstwo fliegen lassen, die Empörung wäre weltweit gewesen. Denn eine geographische Verschiebung des Problems wäre eine allzu billige Lösung gewesen. Doch wenn Bundespressechef Conny Ahlers den Erfolg der "militärischen" Aktion feiert, wenn permanent von offizieller Seite behauptet wird, dass die Geiseln befreit sind, dann fragt man sich allen Ernstes: Warum diese Irreführung der Öffentlichkeit, diese Vernebelung des Tatbestandes?

 

Die unterbrochenen Spiele werden heute – hoffentlich – endgültig abgesagt. Das olympische Bild einer heilen, heiteren und friedlichen Welt ist ein Trugbild. In dieser kriegerischen, unfriedlichen, von Hass und Hader heimgesuchten Erde muss der angeblich friedliche sportliche Wettkampf der Nationen eine Illusion bleiben.

 

Seit dem 5. September 1972 leuchtet München nicht mehr.