Die Anfänge (Vorgeschichte und Organisation der Spiele)

Münchens neues Wahrzeichen entsteht: Die Bauphase

 

 

 

"Der Verzicht auf Monumentalität und das Spiel mit der Landschaft haben den Münchnern einen Sportpark von Anmut und Urbanität
beschert. Das unwahrscheinliche Glück ist eingetreten, dass eine kühne Idee im Verlaufe von fünf Jahren nicht durch Borniertheit, poli-
tische Rankünen, finanzielle Beschränkung, technische Zwänge und Argumente der Ängstlichkeit unkenntlich gemacht werden konnte."
Peter M. Bode in: Der Münchner Olympiapark, Seite 44

 

Baustelle Oberwiesenfeld
Die bayerische Landeshauptstadt bedurfte in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre aufgrund der chaotischen Verkehrsverhältnisse sowie der vor allem zur Urlaubszeit chronisch verstopften Innenstadt ("Weltstadt mit Herzinfarkt") dringend einer Verbesserung seiner Infrastruktur. Die Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele waren der Startschuss für ein umfassendes Modernisierungsprogramm, das München im Vergleich zu anderen westdeutschen Großstädten einen städtebaulichen Vorsprung bis weit in die achtziger Jahre hinein verschaffte.

 

Der bereits laufende Verkehrsausbau in der Stadt – also die Nord-Süd-U-Bahn-Linie und die S-Bahn, der Ausbau des Altstadtrings und die Umwandlung des Kerns der Innenstadt in einen großen Fußgängerbereich – standen nicht im Mittelpunkt der Debatte. Es ging lediglich darum, die Bauzeiten abzukürzen und dementsprechend höhere Finanzierungsraten bereitzustellen. Die eigentliche Herausforderung bestand in der Errichtung der Olympia-Bauten: Die Stadien, das Olympische Dorf, die Pressestadt mit Pressezentrum, das Funk- und Fernsehzentrum, die Verkehrsanlagen im unmittelbaren Einzugsbereich des Olympiageländes mussten geplant und innerhalb weniger Jahre fertiggestellt werden. Über den Standort des olympischen Zentrums gab es kaum Debatten.

 

Der Münchner Norden, Standort der ersten Kläranlage und verschiedener Mülldeponien, war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unattraktiv für Wohnzwecke und beherbergte lediglich Kasernen und einen Flugplatz auf dem Oberwiesenfeld. Dieses Gelände, wo einst die königlichen schweren Reiter exerzierten, wo 1938 der britische Premierminister Chamberlain landete, um mit Adolf Hitler das Münchner Abkommen auszuhandeln, und wo nach dem Zweiten Weltkrieg der Bombenschutt zu Bergen getürmt wurde – nur vier Kilometer vom Stadtzentrum entfernt und 300 Hektar groß – bot sich geradezu als Glücksfall an. Dass diese Fläche nach der Übersiedlung des Flughafens nach Riem überhaupt noch zur Verfügung stand, war einem jahrelangen Streit zwischen Bund, Land und Stadt über eine sinnvolle Planung für die Bebauung und Nutzung zu verdanken.

 

Linkpfeil Das Oberwiesenfeld vor Baubeginn (1968)

 

Linkpfeil Das Oberwiesenfeld 1965 und 1972 (Flash-Video)

 

Aus einem groß angelegten Architekten-Wettbewerb unter dem Vorsitz von Egon Eiermann gingen am 13. Oktober 1967 das Architektenbüro Günter Behnisch & Partner (Fritz Auer, Winfried Büxel, Erhard Tränkner, Karlheinz Weber und Jürgen Joedecke) mit einem filigran-beschwingten Zeltdach-Modell siegreich hervor. Die Leichtigkeit und Eleganz dieser Konstruktion, deren Vorbild der von Frei Otto entworfene deutsche Pavillon auf  der Weltausstellung Expo 1967 in Montreal war, fand die Zustimmung aller Beteiligten. Gleichzeitig wurden aber auch Bedenken gegen die Bebaubarkeit, Haltbarkeit und Betriebssicherheit eines Hängedachs von solchen Ausmaßen geäußert. Zur Frage der Haltbarkeit des Bauwerks bei Wind und Wetter bemerkte Architekt Behnisch später: „Wir haben alles so konstruiert, dass die Teile mit Anstand verstauben können.” Der Aufsichtsrat der Olympia-Baugesellschaft (OBG) entschied sich erst am 21. Juni 1968 aufgrund wissenschaftlicher Gutachten endgültig für den Bau des Zeltdachs.

 

Linkpfeil Der Bau des Olympiaturms (Flash-Video)

 

Nach der Eröffnung des Fernsehturms auf dem Oberwiesenfeld (22. Februar 1968) und der Sprengung des ehemaligen Flughafengebäudes (14. August 1968) wurden am 9. Juni 1969 die Rohbauarbeiten für die Sportstätten begonnen, und am 14. Juli 1969 erfolgte die Grundsteinlegung für den Olympiapark. Gemäß seiner Urkunde "sollen die Bauten über die Spiele hinaus Zeugnis ablegen vom Geist unseres Volkes im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts". Der 90 x 90 cm große Grundstein befindet sich auf dem zentralen Forum in der Nähe des Ehrenhaines mit den Namen aller Olympiasieger von 1972.

 

Das erste Richtfest auf dem Oberwiesenfeld wurde nach dem Abschluss der Rohbauarbeiten für die Sportanlagen am 23. Juli 1970 gefeiert. Mit der Montage der Pylonen für das Zeltdach wurde am 20. August 1970 begonnen, und am 14. Juni 1971 wurden die Pylonenköpfe bei der Dachmontage auf die beiden 80 Meter hohen Hauptmasten der Olympiahalle aufgezogen. Die Eindeckung des Gesamtdaches begann am 16. August 1971 mit dem Aufschrauben von 3 x 3 Meter großen Acrylglasscheiben. Am 4. November 1971 war das Seilnetz des Zeltdaches bereits vollständig hochgezogen und teilweise eingedeckt. Die letzte Acrylglasplatte wurde am 21. April 1972 auf dem Dach befestigt, und am 26. Mai 1972 erfolgte die Einweihung des Olympiastadions mit dem Fußball-Länderspiel Deutschland gegen die UdSSR.

 

Insgesamt 25.000 Bauarbeiter aus 24 Nationen benötigten zur Errichtung sämtlicher Olympiabauten in nur knapp drei Jahren mehr als sechs Millionen Arbeitsstunden, wobei über sieben Millionen Kubikmeter Erde bewegt, über 400.000 Kubikmeter Beton, über 40.000 Tonnen Stahl und über 40.000 Festmeter Holz verbaut wurden. Während der Bauphase an 60 Baustellen wurden insgesamt zehn Richtfeste gefeiert. Die polnische Zeitung "Przeglad Sportowy" beschrieb kurz vor Beginn der Spiele das olympische Zeltdach mit den folgenden Worten: "Man kann dieses Olympiadach bewundern oder es auch als Symbol des Größenwahns sehen, der in einigen Kreisen des Landes herrscht, man kann sogar entsetzt sein über diesen Bau, der an nichts erinnert, was auf dieser Erde bereits errichtet wurde. Auf keinen Fall kann man einfach an ihm vorübergehen."

 

Linkpfeil Olympia-Architektur (Flash-Video)

 

Linkpfeil Die Überdachung des Olympiaparks

 

Das Olympische Dorf entstand nach einem Entwurf der Architekten Prof. Heinle & Wischer nördlich des Olympiastadions und erstreckt sich entlang der Connollystraße, der Nadistraße, der Straßberger Straße und des Helene-Mayer-Rings. Im Männerdorf fanden 11.715 Sportler und Betreuer Platz, im Frauendorf 1772. Das Olympische Dorf war vom 1. August bis zum 18. September 1972 geöffnet. Zum Zeitpunkt der größten Auslastung, am 30. August, befanden sich 10.562 Athleten und Betreuer, davon 9104 Männer und 1458 Frauen, im Dorf. Es sollte ein Ort der Ruhe sein, an den sich die Sportler zurückziehen konnten. Zugleich ermöglichte das Dorf die kostengünstige Unterbringung und Verpflegung der Athleten und bot ihnen Trainingsmöglichkeiten sowie ein Unterhaltungsprogramm. Das Olympische Dorf der Männer hatte 2995 Appartements, in denen je nach Typ zwischen zwei und sieben Athleten wohnten. Das Olympische Dorf der Frauen hatte 1718 Appartements für je eine Sportlerin und neun Wohnungen für je sechs Athletinnen.

 

Bestandteil des Olympischen Dorfes war neben den Wohngebäuden und vielen verschiedenen Trainingsplätzen auch ein Kindergarten, eine Kirche, eine Schule, verschiedene kleinere Einzelhandelsgeschäfte sowie Ärzte, Restaurants, Cafés sowie eine Cafeteria, in der 2500 Sportler Platz fanden. Außerdem gab es verschiedene kulturelle Einrichtungen, dazu gehörten beispielsweise ein Fernsehraum, Tischtennisplatten, ein Billardtisch, ein Theater mit 350 Plätzen und ein Kino mit 200 Plätzen. Nach Ende der Olympischen Spiele wurde das Gelände des Männerdorfes zu einem normalen Wohngebiet umfunktioniert, der Wohnwert dieser Gegend gilt heute als sehr hoch. Das ehemalige Frauendorf wird heute als Studentenwohnheim genutzt.

 

Baustelle Olympiadorf
Linkpfeil Modell des Olympiaparks

 

Linkpfeil Das Olympische Dorf (Flash-Video)

 

In die olympische Landschaft miteinbezogen wurde auch der Schuttberg, bestehend aus 10,85 Millionen Kubikmetern Bombenschutt aus dem Zweiten Weltkrieg, und ein künstlich angelegter See. Für die Landschaftsplanung war Günter Grzimek aus Kassel zuständig. Am Südufer des Olympiasees, gegenüber den Sportstätten, wurde für die Dauer der Olympiade nach Planungen des Essener Architekten Werner Ruhnau eine Spielstraße geschaffen, wo Gaukler und Laienschauspieler in einer Art ‘Open-Air-Happening zum Mitmachen’ ihre Sicht auf den Sport mit Parodien, Musik und Tanz zum Ausdruck brachten. Zehn Flöße brachten die Besucher vom Nordufer des Olympiasees zum südlichen Teil, wo sie von einer Nonstop-Revue in zwei Dutzend Schaubuden erwartet wurden und laut OK "verschiedene Bodenmaterialien, Spielobjekte auf dem Wasser und auf dem Land, Scheinwerfer, Projektionsgeräte, Mikrofone, Lautsprecher, Gongs und Duftkörper" alle Sinne ansprechen und zur eigenen Betätigung der Objekte anregen sollten. Die Spielstraße war täglich von 10 bis 22 Uhr geöffnet, der Eintritt war kostenlos.

 

PDF Der Olympiapark (PDF-Datei)