Die olympische Tragödie (Das Attentat)
"Olympia als Friedensfest in einer zerrissenen, unfriedlichen Welt wirkt wie eine kühne Provokation. Es zieht
Ab dem 11. Tag war alles anders. Acht junge palästinensische Fedayin (arabisch für "die Opferbereiten") der Terrorgruppe "Schwarzer September" stürzten die Münchner Spiele in eine tiefe Sinnkrise, als sie in den frühen Morgenstunden des 5. September 1972 über den Zaun des Olympischen Dorfes kletterten, das israelische Mannschaftsquartier überfielen, zwei Sportler töteten und neun als Geiseln nahmen. Dieser Gewaltakt innerhalb der imaginären Bannmeile des olympischen Friedens stellte nach dem Selbstverständnis der Täter eine Kriegshandlung dar, und sie hatten damit erreicht, dass das größte Sportfest der Welt als Nebenkriegsschauplatz in den Nahost-Konflikt hineingezogen wurde. Der Überfall traf die Organisatoren und Sicherheitskräfte völlig unvorbereitet.
Ein nur mäßig gesichertes Olympisches Dorf ohne Mauern und Stacheldraht, lediglich von einem zwei Meter hohen Maschendrahtzaun umgeben, hatte schon vor dem Attentat viele Athleten dazu ermuntert, einfach über den Zaun zu klettern, um auf möglichst direktem Weg zur Unterkunft zu gelangen. Gerade in München, der "Hauptstadt der Bewegung" im Dritten Reich, wollte man unter allen Umständen vermeiden, dass die Gäste aus aller Welt sich auch nur im Entferntesten an ein Konzentrationslager und damit an unselige Zeiten erinnert fühlten. Die historische Belastung der Olympiastadt sowie die Absicht, "heitere Spiele" veranstalten zu wollen, hatte die Organisatoren dazu bewogen, den Spielen eine liberale Ausrichtung zu geben und auf Polizeipräsenz innerhalb des olympischen Territoriums zu verzichten, was sich nun als verhängnisvoll herausstellte. Manfred Schreiber im Jahr 2006 in einem Interview: „Das Motto hieß ‘Heitere Spiele’ und das bedingte auch, dass man auf alle möglichen Reglementierungen, die unter Sicherheitsgesichtspunkten üblich gewesen wären, verzichtet hat. Vor allen Dingen auf Polizei im Olympischen Dorf und in den olympischen Stätten.” Dass es den Terroristen aber so leicht gemacht wurde, dass sie nur über den Zaun zu klettern brauchten, bleibt bis heute unfassbar.
"Durch den ungehinderten Einbruch und Ausbruch von Gewalt wurde das bewusst in Kauf genommene Risiko nachträglich zum sträflichen
Das ursprüngliche Olympia-Programm des ZDF am 5.
September 1972
27 Jahre nach dem Ende der Nazi-Tyrannei und dem Holocaust wurden in Deutschland wieder Juden ermordet und mit dem Tode bedroht – ein menschlich unerträglicher und politisch hochbrisanter Vorgang. Doch jenseits allen Abscheus über die Tat war der Überfall auf das israelische Mannschaftsquartier rekordverdächtig: Noch nie hatten es so wenige Personen geschafft, durch eine einzige Aktion die ganze Welt in Furcht und Schrecken zu versetzen (dieser "Rekord" sollte bis zum 11. September 2001 Bestand haben). Vor der versammelten Weltpresse wurde der erste Terroranschlag für das Fernsehzeitalter verübt, und rund um den Globus explodierten die Einschaltquoten der Rundfunkanstalten. Unter dem Gesichtspunkt der weltweiten Aufmerksamkeit war dieses Attentat ein voller Erfolg.
Den ganzen Tag über gab es heftige Diskussionen in den Medien und der Bevölkerung: Was sollte nun mit diesen Münchner Spielen geschehen? Wäre ein Abbruch nicht die notwendige Konsequenz aus diesen schrecklichen Ereignissen und auch eine Geste der Pietät gegenüber den Opfern und ihren Angehörigen? Oder sollten die Spiele nun erst recht weitergehen, um der Welt ein Zeichen zu geben, dass Terror und Fanatismus niemals siegen werden? Dem olympischen Gedanken der Völkerverständigung war schwerer Schaden zugefügt worden, und es herrschte allgemeine Übereinstimmung darüber, dass man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen konnte.
Bericht im Extrablatt der Süddeutschen Zeitung am 5.
September 1972
Um 15.38 Uhr erklärte IOC-Präsident Brundage die XX. Olympischen Spiele für unterbrochen. Olympia-Pressechef Hans Klein verkündete um 16.00 Uhr im Pressezentrum: „Soeben kriege ich, von Herrn Daume und Herrn Brundage unterzeichnet, folgende Erklärung übermittelt: Der olympische Friede ist durch einen Mordanschlag verbrecherischer Terroristen gebrochen worden. Die gesamte zivilisierte Welt verurteilt diese barbarische Untat mit Abscheu. In Ehrfurcht vor den Opfern und als Zeichen der Anteilnahme am Schicksal der noch festgehaltenen Geiseln werden die Veranstaltungen des heutigen Nachmittags abgebrochen. Das Internationale Olympische Komitee und das Organisationskomitee werden zusammen mit den Olympiateilnehmern morgen, Mittwoch, den 6. September um 10 Uhr im Olympiastadion der Opfer in einer Trauerfeier gedenken. Diese Gedenkfeier soll deutlich machen, dass die olympische Idee stärker ist als Terror und Gewalt.”
Das IOC entschied sich schließlich für eine Fortsetzung der Spiele, und Willi Daume begründete diesen Entschluss am 10. September 1972 in einem Interview im ARD-Olympiastudio: „Es ist so viel gemordet worden – wir wollten den Terroristen nicht erlauben, auch noch die Spiele zu ermorden.”
Die Wettkämpfe wurden am nächsten Tag um 16.45 Uhr mit dem Handballspiel Rumänien gegen Ungarn fortgesetzt, doch es waren keine heiteren Spiele mehr.