"Die Spiele müssen weitergehen"

Die Trauerfeier

 

 

 

Musik: Ludwig van Beethoven, Trauermarsch aus der "Eroica", gespielt von den Münchner Philharmonikern unter der Leitung von Rudolf Kempe)

 

Olympiafahne auf Halbmast
Willi Daume (OK-Präsident): „Für uns, die wir mit festem Vertrauen auf den guten Willen aller Menschen die Spiele der XX. Olympiade vorbereitet haben, ist dieser Tag ein Tag unendlicher Trauer. Alles, was sich so schön zu erfüllen schien, ein Fest, das bis gestern so sichtbar die Sehnsucht der Menschen nach Verstehen, Freude und Frieden zum Ausdruck brachte, ist durch menschliche Schuld ohnegleichen in Frage gestellt worden. Selbst in der Welt des Verbrechens gibt es noch Tabus, gibt es eine letzte Schranke der Entmenschlichung, vor der man zurückschreckt. Diese Schranke haben die Schuldigen im olympischen Dorf durchbrochen. Sie sind mit Mord in das schöne, große Fest der Völker der Erde eingebrochen, in ein Fest, das dem Frieden gilt.

Die Härten und Gefahren des Irdischen werden nicht immer nach eigener Gunst und Erwartung verteilt. Möge aber wenigstens dieses Durchbrechen der letzten Schranken menschlicher Gesittung die Welt aufrütteln, endlich der Gewalttätigkeit zu entsagen, sie als menschenfeindlich und abscheulich zu verurteilen und zu verachten, wo immer und zu welchem Zweck sie auch angewendet werde.

Wir vereinen uns in der Trauer mit den Familien der Mannschaft, den Ländern, indem wir den Tag mit seinen unreifen Rasereien hinter uns lassen. Es gibt nur den Trost, dass wir nicht selbst unser Schicksal formen, sondern dass unsere Gegenwart und unsere Zukunft in eines Höheren Hand liegt.”

 

Shmuel Lalkin (Chef de Mission der israelischen Olympiamannschaft): „Die Israeli kamen nach München zu den Spielen der XX. Olympiade im Geiste der olympischen Brüderlichkeit, der Freundschaft, der Fairness und des Friedens gemeinsam mit allen Sportlern der Welt. Zutiefst erschüttert trauern wir über die barbarische Schändung des olympischen Geistes, verursacht durch den heimtückischen Überfall von Terroristen, bei welchem elf unserer Sportler in verbrecherischer Weise ermordet wurden. Hier ihre Namen: Berger, David. Gottfreund, Josef. Weinberg, Moshe. Halfin, Eliezer. Friedman, Zeev. Slavin, Mark. Romano, Josef. Schapira, Amizur. Spitzer, AndrĂ©. Schorr, Kehat. Springer, Jakov. Sie waren wahre und tapfere Sportkameraden und starben in der Blüte ihres Lebens.

Solch ungeheuerliches Verbrechen steht in der Geschichte der Olympischen Spiele beispiellos da und wird von allen zivilisierten Menschen auf das Schärfste verurteilt. Wir betrauern zutiefst unsere Toten und drücken ihren Familien unser tiefstes Beileid aus. Wir bedauern die Opfer der Menschen, die in Erfüllung ihres Dienstes beim Einsatz gegen die verbrecherischen Banditen ihr Leben geben mussten oder verwundet wurden und empfinden mit ihren Angehörigen.

Im Namen der israelischen Delegation, im Namen aller Sportler unseres Landes und im Namen aller Bürger des Staates Israel möchte ich dem Internationalen Olympischen Komitee und dem Organisationskomitee der XX. Olympiade meine Anerkennung aussprechen, dass sie die Spiele als Zeichen der Solidarität mit den israelischen Sportlern unterbrochen haben. Dem Krisenstab der Polizei, dem Grenzschutz und den Sicherheitsorganen gebührt unsere Anerkennung. Wir schätzen die scharfe Verurteilung des Verbrechens und die Worte des Beileids, die uns von Staatsoberhäuptern, Regierungschefs, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, Journalisten und von der Bevölkerung dieses Landes sowie von Sportlern aus aller Welt ausgesprochen wurden. Ich darf Ihnen hier versichern, dass die Sportler Israels trotz dieses niederträchtigen Verbrechens auch weiterhin an olympischen Wettkämpfen im Geiste der Brüderlichkeit und Fairness teilnehmen werden.

In tiefer Erschütterung verlässt die israelische Delegation diesen Ort. Wir danken allen für die uns erwiesene Solidarität.”

 

Gustav Heinemann (Bundespräsident): „Vor elf Tagen habe ich hier in dieser Arena die Olympischen Spiele München 1972 eröffnet. Sie begannen als wahrhaft heitere Spiele im Sinne der olympischen Idee. Ein großartiges Echo in der weiten Welt begleitete sie, bis sich gestern morgen der Schatten einer Mordtat auf sie legte. In der vergangenen Nacht haben sich Schrecken und Entsetzen ausgeweitet. Der Versuch zur Rettung der israelischen Geiseln schlug fehl. Wo vor kurzem noch frohe Gelöstheit herrschte, zeichnen jetzt Ohnmacht und Erschütterung die Gesichter der Menschen. Fassungslos stehen wir vor einem wahrhaft ruchlosen Verbrechen.

In tiefer Trauer verneigen wir uns vor den Opfern des Anschlages. Unser Mitgefühl gilt ihren Angehörigen und dem ganzen Volk Israel. Dieser Anschlag hat uns alle getroffen. Waren der Anschlag und sein Ausgang abzuwenden? Niemand wird darauf im Augenblick eine abschließende Antwort geben können. Wer sind die Schuldigen dieser Untat? Im Vordergrund ist eine verbrecherische Organisation, die glaubt, dass Hass und Mord Mittel des politischen Kampfes sein können. Verantwortung tragen aber auch jene Länder, die diese Menschen nicht an ihrem Tun hindern.

Allen Menschen in allen Teilen der Welt ist in den letzten Stunden vollends klar geworden, dass Hass nur zerstört. Die Opfer auch dieses Anschlages rufen uns abermals auf, unsere Kraft für die Überwindung des Hasses einzusetzen. Gerade angesichts der neuen Opfer gilt es, jetzt dem Fanatismus, der die Welt aufschreckt, den Willen zur Verständigung entgegen zu setzen. Die olympische Idee ist nicht widerlegt: Wir sind ihr stärker verpflichtet als zuvor.

Bei dem, was wir erleben mussten, besteht keine Trennungslinie zwischen Nord und Süd, keine zwischen Ost und West. Hier besteht eine Trennungslinie zwischen der Solidarität aller Menschen, die den Frieden wollen, und jenen anderen, die in tödliche Gefahr bringen, was das Leben lebenswert macht.

Avery Brundage
Das Leben braucht Versöhnung. Versöhnung darf nicht dem Terror zum Opfer fallen.

Im Namen der Bundesrepublik Deutschland appelliere ich an alle Völker dieser Welt: Helft mit, den Hass zu überwinden. Helft mit, der Versöhnung den Weg zu bereiten.”

 

Avery Brundage (IOC-Präsident): „Alle zivilisierten Menschen verurteilen den verbrecherischen Überfall von Terroristen im friedlichen olympischen Bereich. Wir beklagen unsere israelischen Freunde, die Opfer dieses brutalen Angriffs. Es ist eine traurige Tatsache, dass in unserer unvollkommenen Welt, dass, je größer und bedeutender die Olympischen Spiele werden, sie um so mehr unter wirtschaftlichem, politischem und jetzt auch kriminellem Druck stehen. Die Spiele der XX. Olympiade sind das Ziel von zwei grausamen Angriffen gewesen, denn wir haben im Falle Rhodesien den Kampf gegen politische Erpressung verloren.

Wir verfügen nur über die Kraft eines großen Ideals. Ich bin überzeugt, dass die Weltöffentlichkeit mit mir einer Meinung ist, dass wir es nicht zulassen können, dass eine Handvoll Terroristen diesen Kern internationaler Zusammenarbeit und guten Willens zerstört, den die Olympischen Spiele darstellen.

Die Spiele müssen weitergehen, wir müssen in unseren Bemühungen fortfahren, sie rein und ehrlich zu erhalten und zu versuchen, die sportliche Haltung der Athleten in andere Bereiche zu tragen.

Wir erklären hiermit den heutigen Tag zum Tag der Trauer und werden alle Veranstaltungen einen Tag später als ursprünglich geplant fortsetzen.”

 

Musik: Ludwig van Beethoven, Ouvertüre zu "Egmont", gespielt von den Münchner Philharmonikern unter der Leitung von Fritz Rieger)

 

Linkpfeil Die Trauerfeier: Zusammenfassung (Flash-Video)