Fürstenfeldbruck und die Folgen

Das Nachspiel

 

 

 

"Wir entschuldigen uns bei der Sportjugend der ganzen Welt, wenn unsere Aktion ihre Gefühle verletzt
haben sollte. Aber wir wollen, dass sie weiß, dass es ein Volk gibt, dessen Vaterland seit 24 Jahren
besetzt ist. Dieses Volk wird von einem Feind gequält, der in München mitten unter den Sportlern saß."
Erklärung der Münchner Attentäter, veröffentlicht am 11. September 1972

 

Manfred Schreiber
Die Terroristen und ihre Hintermänner hatten durch das Olympia-Attentat ihre Ziele nur zum Teil erreicht: Abgesehen von dem missglückten Versuch, 234 palästinensische Gefangene aus israelischer Haft freizupressen, wurde zwar die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf den Existenzkampf des palästinensischen Volkes gelenkt; doch statt Sympathie für die Leiden der Palästinenser gab es nur weltweite Verachtung für den heimtückischen nächtlichen Überfall auf friedlich schlafende Sportler.

 

Linkpfeil Militärflughafen Fürstenfeldbruck am 6. September 1972

 

Bayerns Innenminister Bruno Merk erklärte am Morgen des 6. September 1972 auf einer Pressekonferenz den missglückten Ausgang der Befreiungsaktion in Fürstenfeldbruck mit den folgenden Worten: „Der Einsatz ist daran gescheitert, dass es nicht gelungen ist, die Terroristen auf Anhieb in ausreichender Zahl unschädlich zu machen, und dass der von uns erhoffte Effekt, die noch überlebenden Terroristen würden, geschockt von dem Einsatz der Polizeikräfte, ihren Widerstand aufgeben, nicht eingetreten ist.”

 

Polizeipräsident Manfred Schreiber: „Als die Hubschrauber im Olympischen Dorf abhoben und nach Fürstenfeldbruck abdrehten, war dies das Todesurteil für die Israelis. Die Grenzen waren außenpolitisch eng gezogen. Wir hatten keine Wahl. Wir konnten nur noch auf entscheidende Fehler der Guerilleros hoffen. Das war vergebens.”

 

Sowohl Manfred Schreiber (auf dem Foto oben links) als auch Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher wurden am 6. September 1972 im Fernsehstudio des Deutschen Olympia-Zentrums (DOZ) zu den Ereignissen der vergangenen Nacht befragt.

 

Linkpfeil Dagobert Lindlau: Interview mit Manfred Schreiber (MP3-Datei)

 

Linkpfeil Lothar Loewe: Interview mit Hans-Dietrich Genscher (MP3-Datei)

 

Schreiber übernahm zwar öffentlich die Verantwortung für die missglückte Geiselbefreiung: „Ich trage die Verantwortung. Voll und ganz und ohne Abstriche.” Doch es war eine Verantwortung ohne persönliche oder politische Konsequenzen. Die Scharfschützen von Fürstenfeldbruck nahm er mit den Worten: „Polizisten sind keine Berufskiller” in Schutz, und in einem Südwestfunk-Interview im Jahr 1982 erklärte er: „Auf einen solchen paramilitärischen Einsatz hatten wir die Polizei bis zu diesem Zeitpunkt psychologisch, rechtlich und ausrüstungsmäßig überhaupt nicht vorbereitet.”

 

"Man kann sich vorstellen, dass ein Scharfschütze, der bisher nur auf Scheibe geschossen hat, eine
psychologische Barriere überwinden muss, wenn er zum erstenmal einen Menschen vor sich hat, auf den
er abdrücken soll. Er muss nur den Bruchteil einer Sekunde unsicher sein, und schon schießt er daneben.
Ich würde übrigens eine solche Unsicherheit menschlich nicht negativ beurteilen, sondern verständlich finden."
Manfred Schreiber im Stern vom 17.09.1972, Seite 225

 

Bruno Merk in einem Interview im Jahr 2006: „Wir waren in der Situation eines Landarztes, der eine Notoperation vornehmen soll, die er noch nie gemacht hat und für die ihm das dazu notwendige Besteck fehlt, er also auch keine Erfahrung hat.”

 

Plan B der Attentäter nach der gescheiterten Forderung auf Freilassung palästinensischer Gefangener aus Israel hatte ein Ausfliegen mit den israelischen Geiseln in ein arabisches Land vorgesehen. Doch die deutsche Staatsräson verlangte es, unter allen Umständen zu verhindern, dass olympische Gäste von Terroristen ins Ausland – und damit einem vollkommen ungewissen Schicksal entgegen – verschleppt werden. Die deutschen Verhandlungsführer waren nur zum Schein auf diese Forderung eingegangen, ohne gewillt zu sein, sie jemals zu erfüllen. Täter und Opfer waren also in eine Falle gelockt und die Israelis letztlich Opfer der Staatsräson geworden. Doch hätte es für die Verantwortlichen Handlungsalternativen gegeben?

 

Die Rettungsversuche der bayerischen Polizei in Fürstenfeldbruck mögen aus heutiger Sicht dilettantisch anmuten. Doch es ist zu bedenken, dass die gesamte Befreiungsaktion von A bis Z improvisiert werden musste und die Sicherheitsorgane vor eine völlig neuartige Herausforderung gestellt waren. Polizeiliches Antiterror-Training oder speziell ausgebildete und ausgerüstete Sondereinsatzkräfte waren in der damaligen Zeit noch unbekannt. Deshalb war man gezwungen, mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen eine hochkomplexe Geiselbefreiung durchzuführen, die dann leider in einem Fiasko endete. Bundeskanzler Brandt sprach in diesem Zusammenhang sogar verbittert von einem "erschreckenden Dokument deutscher Unfähigkeit".

 

Am 7. September 1972 reiste der Rest der israelischen Olympiamannschaft mit den Särgen ihrer toten Mannschaftskameraden mit einer Sondermaschine der Fluggesellschaft EL AL aus München ab, damit die Beisetzungen noch vor den am 8. September geplanten Feierlichkeiten zum jüdischen Neujahrsfest stattfinden konnten. Als Vertreter der Bundesrepublik waren der ehemalige Münchner Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel sowie der Präsident des Rates der jüdischen Gemeinden in Deutschland, Nachmann, an Bord des Flugzeuges nach Tel Aviv.

 

Linkpfeil Manfred Vorderwülbecke: Interview mit Willi Daume am 10.09.1972 (Flash-Video)

 

Unmittelbar nach dem Anschlag von München wurden an den bundesdeutschen Grenzen und Flughäfen verschärfte Kontrollen und Einreiseauflagen für Personen arabischer Herkunft (u.a. der Sichtvermerkszwang) angeordnet. Ebenfalls verschärft wurden Ausweisungen und Abschiebungen von in der Bundesrepublik lebenden Arabern, was zunehmende Proteste im In- und Ausland nach sich zog und einige Kommentatoren von "Pogromstimmung" sprechen ließ.

 

Am 11. September 1972 wurden die Leichen der Attentäter von Neubiberg aus auf Wunsch des libyschen Revolutionsführers Gaddafi nach Tripolis überführt, wo sie einen Tag später unter großer Anteilnahme der Bevölkerung ein Heldenbegräbnis erhielten. Nach der Schlussfeier fand im Hörfunkprogramm der ARD-Olympiawelle eine Diskussion über die Zukunft der Olympischen Spiele statt.

 

Linkpfeil Diskussion über die Zukunft der Olympischen Spiele (11.09.1972)

 

Am 13. September 1972 kündigte Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher die Aufstellung einer Spezialtruppe des Bundesgrenzschutzes (GSG 9) an, um Terroranschlägen, wie sie in München stattgefunden hatten, begegnen zu können.

 

Am 19. September 1972 veröffentlichte das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung den Bericht "Der Überfall auf die israelische Olympiamannschaft. Dokumentation der Bundesregierung und des Freistaates Bayern."

 

Linkpfeil Brief des Ordnungsbeauftragten (Oktober 1972)

 

Im Jahr 1972 lebten in der Bundesrepublik rund 36.000 Araber, unter ihnen etwa 3000 Palästinenser, die zehn linksextremistische Gruppen mit insgesamt 142 regionalen Zweigstellen bildeten. Die mitgliederstärksten Gruppen waren die "General-Union Palästinensischer Studenten" (GUPS) und die "General-Union Palästinensischer Arbeiter" (GUPA). Ihre Hauptquartiere befanden sich in Kairo. Am 3. Oktober 1972 wurden beide Organisationen durch eine Verfügung des Bundesinnenministeriums verboten, obwohl kein unmittelbarer Zusammenhang zwischen ihnen und dem Anschlag von München nachgewiesen werden konnte.

 

Am 29. Oktober 1972 wurde ein Lufthansa-Jet auf dem Flug von Beirut nach Frankfurt entführt. Die Kidnapper verlangten die Freilassung der drei überlebenden Terroristen von München. In großer Eile und ohne Israel zu konsultieren entsprach die Bundesregierung dieser Forderung. Die Boeing 727 flog von Zagreb aus, wo die freigepressten Münchner Attentäter an Bord gegangen waren, mit Geiseln und Entführern nach Libyen. Nach der Freilassung der Geiseln auf dem Flughafen von Tripolis und einem umjubelten Empfang für die Terroristen hielten die drei Attentäter von München noch am selben Tag eine Pressekonferenz ab, auf der sie stolz von dem Anschlag bei den Olympischen Spielen berichteten (siehe Foto unten).

 

In der Folgezeit wurde in den Medien darüber spekuliert, dass es ein Abkommen zwischen der Bundesregierung und den Palästinensern gegeben haben könnte, um künftige Anschläge in der Bundesrepublik zu verhindern, denn für ein Flugzeug von der Größe des entführten befanden sich verdächtig wenige Passagiere und weder Frauen noch Kinder an Bord. Außerdem wurden die Behörden auf diese Weise drei unliebsame Zeugen los, die das Versagen der Sicherheitskräfte bei dem Einsatz in Fürstenfeldbruck hätten belegen können.

 

"Doch schon bald zeichnete sich ab, dass in Zagreb das wesentliche Ziel erreicht worden war: Das Ungleichgewicht,
das die Beziehungen zum Nahen und Mittleren Osten seit dem Attentat in München beherrscht hatte, war wieder im Lot."
Kay Schiller, Christopher Young, München 1972, Seite 326

 

Linkpfeil Flugzeugentführung und Freipressung der Münchner Attentäter (Flash-Video)

 

Am 5. Februar 1973 wurden die Ermittlungen gegen Polizeichef Schreiber und seinen Einsatzleiter Georg Wolf wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung eingestellt. Beide Akteure seien nicht "in strafrechtlich vorwerfbarer Weise verantwortlich". Zudem wurde erklärt, dass auch die Polizei eines anderen Staates den durch die Terroristen unmittelbar bedrohten Geiseln kein größeres Maß an Sicherheit hätte gewährleisten können als die deutsche Polizei.

 

Am 7. Juni 1973 besuchte Willy Brandt als erster deutscher Bundeskanzler den Staat Israel. Das Olympia-Attentat war kein offizielles Gesprächsthema.

 

Am 1. September 1973 meldete die Sondereinheit GSG 9 des Bundesgrenzschutzes Einsatzbereitschaft.

 

Im Jahr 1977 wurden überlebende der israelischen Olympiamannschaft von 1972 in Israel interviewt.

 

LinkpfeilEin schwarzer September (1977) (Flash-Video)

 

Am 22. Januar 1979 wurde Ali Hassan Salameh, einer der Drahtzieher des Olympia-Attentats,  in Beirut von Agenten des Mossad mit einer ferngezündeten Autobombe getötet.

 

Am 1. August 1981 wurden in einem Warschauer Hotel auf Abu Daud mehrere Schüsse abgefeuert, er überlebte jedoch den Angriff und erholte sich in einem Krankenhaus in Berlin-Buch auf Staatskosten der DDR unter der Obhut des Ministeriums für Staatssicherheit. Nach seiner Genesung erhielt Abu Daud eine Wohnung zur Verfügung gestellt und ein Visum für seinen irakischen Diplomatenpass.

 

Im Jahr 1982 wurden verschiedene Beteiligte über das Olympia-Attentat befragt und sie gaben aufschlussreiche Antworten.

 

Linkpfeil Interviews (1982) (Flash-Video)

 

Am 14. Januar 1991 wurde Abu Ijad, der sich zuletzt für die Existenz zweier Staaten in Palästina ausgesprochen hatte und damit das Existenzrecht Israels anerkannte, in Tunis von dem Leibwächter Hamsa Abu Seid, selbst ein Fatah-Aktivist, getötet. Abu Seid soll ein Anhänger des fanatischen Sabri al Banna alias Abu Nidal gewesen sein, der Abu Ijad für seine nachgiebige Haltung gegenüber Israel bestrafen wollte. Zusammen mit Abu Ijad starb auch Fachri al Umari, der ebenfalls tief in die Planung und Durchführung des Anschlags von München verstrickt war.

 

Der Münchner Kriminalpsychologe Georg Sieber, der in die polizeilichen Vorbereitungsmaßnahmen im Hinblick auf die Olympischen Spiele eingebunden war, äußerte sich im Jahr 1992 in einem Fernsehinterview kritisch zu den Bemühungen der bayerischen Polizei um die Freilassung der israelischen Geiseln.

 

Linkpfeil Interview mit Georg Sieber (1992) (Flash-Video)
Terroristen-Pressekonferenz

 

In einer TV-Dokumentation im Jahr 1996 wurden die Hintergründe des Olympia-Attentats von München beleuchtet, der damalige Einsatzleiter Georg Wolf zu den Geschehnissen befragt sowie der Drahtzieher Abu Daud interviewt.

 

Linkpfeil Das Geheimnis um das Olympia-Attentat (1996) (Flash-Video)

 

Im Dezember 2006 beendete Fritz Rubin die Arbeit an seinen Erinnerungen an die Olympischen Spiele 1972. Als Bereichsleiter des Ordnungsdienstes im Olympischen Dorf stand er an jenem verhängnisvollen 5. September 1972 einem der Terroristen Auge in Auge gegenüber. Der Text wird mit freundlicher Genehmigung des Autors hier erstmals veröffentlicht.

 

Linkpfeil Erinnerungen von Fritz Rubin (2006)

 

Am 3. Juli 2010 ist Abu Daud, der Drahtzieher des Olympia-Attentats, in der syrischen Hauptstadt Damaskus in Freiheit gestorben. Abu Daud, der mehr als 40 Decknamen gehabt haben soll, wurde auf dem "Märtyrer-Friedhof" im Flüchtlingslager Jarmuk bei Damaskus beigesetzt. Der fünffache Vater starb im Alter von 73 Jahren an Nierenversagen. Bereut hat er die Bluttat nie. Auch vor Gericht musste sich der lange weltweit gesuchte palästinensische Top-Terrorist, der eigentlich Mohammed Daud Audeh hieß, nicht verantworten.