Münchens legendäre Sternstunde (Die Eröffnungsfeier)
"280.000 Tulpen und Narzissen an den Straßenrändern, fünfzig Zentner Schweinshaxen allein im Hofbräuhaus auf
München 1972 bot die einmalige Gelegenheit, der Welt ein heiteres und freundliches Deutschland zu präsentieren, gewissermaßen der Gegenentwurf zur uniformierten "Nazi-Olympiade" von 1936. Und so wurde im Rahmen des strengen olympischen Protokolls eine moderne, zeitgemäße Eröffnungsfeier vorbereitet, die nicht von pompösen Massenaufmärschen geprägt war, sondern von einem Geist der Herzlichkeit und Lebensfreude. Die verspielte Leichtigkeit der olympischen Landschaft – IOC-Präsident Brundage sagte, das Oberwiesenfeld sei das schönste Olympiagelände, das er je gesehen habe – bildete außerdem einen wohltuenden Kontrast zur Ernsthaftigkeit der sportlichen Wettkämpfe und trug seinen Teil zur entkrampften Atmosphäre während dieser Olympischen Spiele bei.
Mit 122 teilnehmenden Nationen wurde in München zum damaligen Zeitpunkt ein neuer Rekord aufgestellt. Die Länder Albanien, Saudi-Arabien, Nordkorea, Britisch-Honduras (das heutige Belize), Gabun, Lesotho, Malawi, Somalia, Swasiland, Togo, Dahomey (das heutige Benin) und Obervolta (das heutige Burkina Faso) hatten ihre Premiere bei den Olympischen Sommerspielen und nahmen erstmals mit einer eigenen Mannschaft an diesem sportlichen Großereignis teil.
Eintrittskarte von der Eröffnungsfeier
Am 26. August 1972 um 15 Uhr war es soweit: Das Deutsche Olympia-Zentrum (DOZ) unter der Leitung von TV-Regisseur Uly Wolters übertrug die Bilder von der Eröffnungsfeier der XX. Olympischen Sommerspiele live in alle Welt. Etwa eine Milliarde Fernsehzuschauer erlebten ein fröhliches und farbenprächtiges Spektakel aus der bayerischen Landeshauptstadt. Für das ZDF kommentierten der Sportreporter Werner Schneider und Walther Schmieding, Moderator der Kultursendung "Aspekte". Die Radiohörer der ARD-Olympiawelle wurden von Oskar Klose, Eberhard Stanjek und Peter Langer direkt vor Ort über das Geschehen informiert.
Beginn der Hörfunk-Reportage der ARD-Olympiawelle (MP3-Datei)
Als Stadionsprecher führte der Schauspieler Joachim Fuchsberger das Publikum souverän durch die zweieinhalbstündige Feier, die frei von verbissenem Perfektionismus ablief: So warteten bei der Ankunft von Bundespräsident Heinemann im Stadion acht Alphornbläser aus Hindelang vergeblich auf das Zeichen von Chefkoordinator Siegfried Perrey zum Einsatz. Weil das Staatsoberhaupt fünf Minuten zu früh am VIP-Eingang des Olympiastadions eingetroffen war, hatte man die wackeren Bläser aus dem Allgäu einfach vergessen, und so mussten sie kurze Zeit später unverrichteter Dinge wieder abziehen.
Abgesehen von dieser Episode hatte Perrey, auch "Mister Olympia" oder "Don Krawallo" genannt, alles im Griff. Der rasende Regisseur war auf dem Spielfeld allgegenwärtig und in seinem hellen Anzug von kaum einer Fernsehkamera zu übersehen. Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" charakterisierte den robusten Ostpreußen mit den folgenden Worten: "Er ist der Typ, der zwei Finger hoch hält und "Kikeriki" sagt, wenn er irgendwo in Südamerika zwei Spiegeleier zum Frühstück bestellen will – und dann Krach schlägt, weil er Rühreier bekommt." Zur Deeskalation bei etwaigen Demonstrationen hielt er am Marathontor ein paar Münchner Dackel einsatzbereit, die, mit Leibchen in den Farben des Olympia-Waldi bekleidet, störende Demonstranten aus dem Stadion bellen sollten. Oder wenn sich Athleten während des Einzugs der Nationen protestierend niedergelegt hätten, so hätte Perrey bunt bemalte Schubkarren zu ihrem Abtransport aufbieten können und sie schlimmstenfalls über lustige Rutschen in den Reportergraben kippen lassen. Doch dies alles war gar nicht nötig, die Eröffnungsfeier verlief frei von derartigen Zwischenfällen.
Noch wenige Tage zuvor hatte es auf das weltgrößte Zeltdach geregnet, doch pünktlich zum Eröffnungstag herrschte Sonnenschein, der erst am letzten Olympia-Wochenende einer kühlen Frühherbst-Wetterlage weichen sollte. Dadurch konnten beim Einzug der Nationen viele Mannschaften aus den "exotischeren" Ländern in ihren Landestrachten ins Olympiastadion einmarschieren, was ein farbenprächtiges Bild ergab und zugleich vom Orchester Kurt Edelhagen effektvoll musikalisch untermalt wurde. Nach dem knapp anderthalbstündigen Einzug der Nationen präsentierten 3200 Münchner Schulkinder, 10- bis 14-jährige Mädchen und Jungen, mit selbstgebundenen Bögen und Blumensträußen den "Gruß der Jugend" zu einem altenglischen, von Carl Orff vertonten Choral – sicherlich eine der schönsten Darbietungen, die man sich für eine olympische Eröffnungsfeier vorstellen kann.
Etwas dünn klang die vom Bundeswehrorchester live intonierte Olympia-Fanfare, die den offiziellen Teil der Eröffnungsfeier einleitete: Die Ansprachen von OK-Präsident Willi Daume und IOC-Präsident Avery Brundage, die erfreulich kurz ausfielen. Nachdem Bundespräsident Gustav Heinemann die Spiele offiziell für eröffnet erklärt hatte, trugen die Ruderer des Gold-Achters von Mexiko 1968 die olympische Fahne in das Stadion. Am Fahnenmast passierte jedoch ein kleines Missgeschick, weil die Flagge beim Hissen knapp einen Meter unterhalb des Endes der Fahnenstange verharrte und sich nicht weiter hinaufziehen ließ – von manchen Beobachtern wurde das im Nachhinein als schlechtes Omen gewertet.
Optisch äußerst reizvoll verlief die Übergabe der olympischen Traditionsfahne, die von einer mexikanischen Folkloregruppe in das Olympiastadion gebracht und vom Bürgermeister von Mexiko City, Octavio Senties, an den Münchner Oberbürgermeister Georg Kronawitter übergeben wurde. Für die nächsten vier Jahre wurde die Fahne im Münchner Rathaus aufbewahrt. Als Antwort auf die Darbietung der Mexikaner demonstrierten Goaßlschnalzer und Schuhplattler viel umjubelt bayerisches Brauchtum. Nach dem Ausmarsch der Trachtengruppe zum Defiliermarsch stiegen 5000 Brieftauben in den Münchner Himmel auf.
Dann folgte als Höhepunkt das Entzünden des olympischen Feuers. Der künstlerische Leiter der Eröffnungsfeier, Franz Baur-Pantoulier, gab per Funk den 60 Berchtesgadener Böllerschützen auf dem Olympiaberg den Einsatzbefehl: "Oanazwanz'g, zwoarazwanz'g, dreiazwanz'g – Wumm!", und jeweils 20 Schützen feuerten gleichzeitig eine Salve ab. Als Günter Zahn mit der brennenden Fackel durch das Marathontor einlief, begann zu Wilhelm Killmayers Sphärenmusik ein Paukenwirbel, der von Arnold Petersen, einem Mitarbeiter von Baur-Pantoulier, als "außerordentlich effektvoll" angekündigt worden war: Im Abstand von jeweils fünf Metern waren im Stadioninnenraum große Pauken aufgestellt worden, die jeweils dann einsetzten, wenn der Fackelläufer an ihnen vorbei lief, "bis das ganze Stadion mit Feuerwerksmusik gefüllt ist", so Petersen. Für die Fernsehzuschauer zuhause waren die Pauken dann aber wegen der akustisch dominierenden Begleitmusik kaum zu hören; der Effekt für die Besucher im Stadion mag größer gewesen sein. Und da zu diesem Zeitpunkt die Fernsehkamera auf dem Olympiaturm ausgefallen war, musste die zuvor mehrfach geprobte beeindruckende Kamerafahrt aus dem lodernden Feuer heraus in die Totale des Stadions leider entfallen.
Viele Beobachter äußerten rückblickend, dieser 26. August 1972 sei der schönste Tag in der Geschichte der alten Bundesrepublik gewesen. Tatsächlich brachte die Eröffnungsfeier von München dem Land einen weltweiten Sympathiegewinn. Vor allem wurde gelobt, dass die Organisatoren erfolgreich militärischen Pomp und nationales Pathos aus dem Programm verbannt und damit den Beginn der Spiele entpolitisiert hatten. Mit Blick auf die Eröffnungsfeier von Berlin 1936 war somit auch ein Stück Vergangenheitsbewältigung gelungen. Den wohl größten Anteil an der "neuen deutschen Leichtigkeit" hatte das Orchester Kurt Edelhagen, das zum Einzug der Nationen keine Marschmusik spielte, was viele ausländische Zuschauer gerade von den Deutschen erwartet hatten, sondern etwas bis dahin Unerhörtes.
Ausschnitte aus der Hörfunk-Reportage der ARD-Olympiawelle (MP3-Datei)
Die Eröffnungsfeier (Flash-Video)