Münchens legendäre Sternstunde (Die Eröffnungsfeier)

Swinging Olympia: Die Musik zum Einzug der Nationen

 

 

 

"Natürlich wird die Musik, die ich zu komponieren gedenke oder die ausgesucht wird, keine Jazzmusik sein, sondern
eine Musik, die der heutigen Zeit entspricht und nach der sich die Athleten bei ihrem Einmarsch richten können."
Kurt Edelhagen, Brief an Willi Daume, Frühjahr 1971

 

Kurt Edelhagen
„Ein Takt von 114 Schlägen pro Minute”, so erklärte der Jazzmusiker Kurt Edelhagen (siehe Foto), der Leiter der Bigband des Westdeutschen Rundfunks, in einem Interview im Jahr 1972, „ist die Zahl, bei der der Mensch am lockersten geht. Das hängt mit seiner Größe und der Anziehungskraft der Erde zusammen.” Diese magische Zahl schlug Edelhagen zum Einzug der Sportler. 90 Minuten lang – bei chinesischer, arabischer, afrikanischer und südamerikanischer Musik. Zu "Kalinka", "Tiritomba" und "Horch, was kommt von draußen rein". 8000 Sportler aus 122 Nationen fanden spontan den Takt. Und 80.000 Zuschauer ließen sich von dieser Dynamik begeistern. In der Ehrenloge verloren gekrönte Häupter ihre gespreizte Würde. Kurt Edelhagen: „Als Fürst Rainier von Monaco richtig schön im Takt mitklatschte, wusste ich endgültig, dass ich mit dieser Musik richtig lag.”

 

Edelhagens Resümee: „Diese Eröffnungsfeier war eine Sternstunde, auch für mich.” Auf Willi Daumes Anfrage, ob er Lust habe, die Olympia-Musik zu machen, hatte Edelhagen sofort zugesagt. Als Verantwortlicher für Idee, Gestaltung und Produktion wählte er Volksmusikstücke aus allen Erdteilen und ließ sie von den drei Arrangeuren Peter Herbolzheimer, Dieter Reith und Jerry van Rooyen zu einer originellen Mischung aus Folklore und Swing aufpeppen. Eineinhalb Jahre Arbeit steckten Kapellmeister Edelhagen und sein Team in die 90-minütige Festmusik. Edelhagen: „Zu der perfekten Technik wollte ich das akustische Pendant liefern.”

 

Ein halbes Jahr vor den Spielen hatte man sich für die Playback-Variante entschieden, da die Arrangements mit teilweise aus Museen entliehenen alten Instrumenten beim besten Willen nicht für eine Live-Performance geeignet waren. Live zu hören waren nur die Trommler: Vier Schlagzeuger saßen mit hochempfindlichen Kopfhörern im engen Interviewstudio des Olympiastadions und schlugen den Einmarschrhythmus, wenn der Ton von einem Arrangement zum anderen wechselte, um Übergänge zu kaschieren. Die anwesenden Journalisten jedenfalls waren von diesem musikalischen Geniestreich so begeistert, dass sie Kurt Edelhagen spontan die erste Goldmedaille dieser Spiele zusprachen. Und auch Zeremonienmeister Siegfried Perrey (im Foto unten rechts), der zuvor die Besorgnis geäußert hatte, die Athleten könnten unter dieser Musik womöglich "reintanzen wie die Känguruhs", war schließlich zufrieden.

 

Dabei war die Generalprobe am Tag zuvor noch kräftig in die Hose gegangen: Beim Bemühen, Ton und Bild synchron zu halten, also die für bestimmte Mannschaften komponierten Arrangements mit dem Fernsehbild in Einklang zu bringen, waren die Mannschaften dem Ton davongelaufen, und Stadionsprecher Joachim Fuchsberger konnte die einmarschierenden Teams mehrfach erst ankündigen, als diese längst an der Ehrentribüne vorbeidefiliert waren. Hätte sich das bei der Eröffnungsfeier wiederholt, wäre eine peinliche Blamage unvermeidlich gewesen. Und tatsächlich hatte es nach dem Kommando "Musik ab!" beim Einzug der Mannschaft Griechenlands einen leichten Frühstart gegeben. Doch Ton und Bild rauften sich im weiteren Verlauf allmählich zusammen und die vereinbarten Synchronpunkte wurden an den meisten Stellen getroffen.

 

Linkpfeil Orchester Kurt Edelhagen: Einzug der Nationen, Ouvertüre (MP3-Datei)

 

Linkpfeil Orchester Kurt Edelhagen: Einzug der Nationen, Finale (MP3-Datei)