Interview der ARD-Olympiawelle mit Robert Lembke

 

"In diesem Jahr zahlt Deutschland die Lokalrunde"

 

Das Interview führte Erwin Dittberner am 26. August 1972, wenige Stunden vor der Eröffnungsfeier

 

 

Wolf [Hörfunk-Reporter der ARD-Olympiawelle in der Sendezentrale]: Drei Stunden zuvor, und damit Ihnen, meine Damen und Herren, zunächst einen schönen guten Tag aus dem Funkhaus der Olympiastadt. "Drei Stunden zuvor" könnte das Thema unserer nächsten Sendung heißen. Ihnen wird Robert Lembke erzählen, was alles geschaffen werden musste, damit Sie als Zuschauer und als Zuhörer direkt dabei sein können. Sie werden sehr viel vom DOZ gleich hören, und ich glaube, ich sollte Ihnen kurz erklären, dass DOZ nicht der neue Spitzname von Lembkes Foxterrier ist, sondern DOZ heißt ganz wörtlich: "Deutsche Olympia-Zentrale". Weitere 2000 Menschen arbeiten hier, und sie lassen über Bildschirm und Mikrofon die Welt zu Gast in München sein. Aber damit, glaube ich, genug der Vorrede, lassen Sie sich von Robert Lembke über die Deutsche Olympia-Zentrale erzählen, sozusagen unter der Schlagzeile: "Fünf Jahre Arbeit für 16 Tage Spiel". Mein Kollege Erwin Dittberner fragte zum Beispiel:

 

Dittberner: Herr Lembke, jetzt sind Sie praktisch am Ziel, am Ziel der gesamten Vorbereitungsarbeit, die ja viele, viele Jahre gedauert hat. Wie ist Ihnen denn jetzt, wenige Stunden vor Eröffnung dieser Spiele, zumute?

 

Lembke: Ich weiß nicht, ob's nicht ein bisserl kühn ist, den Beginn der Spiele als Ziel zu bezeichnen. Eigentlich ist es ja der Schlusstag. Aber im Grunde genommen ist es gelaufen. Ich habe also immer die These vertreten, wenn ich während der Spiele nicht der unbeschäftigtste Mensch bin, dann habe ich etwas falsch gemacht. Wir haben uns das sorgfältig überlegt, was wir machen wollen. Wir haben in einer Art Blindflug planen müssen, das war vielleicht das schwierigste Problem, denn in dem Zeitpunkt, in dem wir anfangen mussten den Architekten zu sagen was wir brauchen, wussten wir weder das genaue Angebot der Spiele noch konnten wir den Bedarf der ausländischen Gesellschaften übersehen. Wir wussten nicht, wer wird kommen, welche Anforderungen werden unsere Gäste stellen. Auf der anderen Seite wussten wir genau: Was wir nicht in den Plänen der Architekten unterbringen, werden wir nachher nicht in Stein finden. Eine andere Sache, die uns Schwierigkeiten gemacht hat: Die elektronische Industrie hat für so komplizierte Anlagen, wie wir sie hier bauen, zum Teil 24, 28 Monate Lieferzeit. Das heißt, wir mussten Aufträge erteilen, auch  in einem Zeitpunkt, in dem wir noch nicht genau wussten, brauchen wir das Zeug oder brauchen wir mehr oder brauchen wir weniger? Dieser Blindflug ist zu Ende, wir sind auf der Landebahn aufgekommen, wir haben sogar den weißen Strich zwischen den Rädern, vielleicht nicht genau in der Mitte, aber immerhin. Wir sind also ganz zufrieden, es müsste eigentlich laufen.

Wissen Sie, wir haben uns, als wir angefangen haben, eigentlich gesagt: Was wollen wir denn? Wir wollen den ausländischen Kollegen hier die Arbeitsbedingungen bieten, die wir, und da schließe ich Sie ein, denn wir haben ja viele große G'schichten gemeinsam gemacht in den letzten 20 Jahren, wir wollen denen die Arbeitsbedingungen bieten, die wir immer gerne vorgefunden hätten.

 

Dittberner: Von denen wir teilweise nur geträumt haben.

 

Lembke: Von denen wir teilweise nur geträumt haben, genau. Ich meine, es ist eine völlig falsche Vorstellung anzunehmen, dass ausländische Rundfunkleute, die hierher kommen, einen Bungalow mit Swimmingpool wollen oder zum Frühstück Kaviar auf goldenen Platten. Aber sie erwarten von einer Industrienation vom Rang Deutschlands einfach optimale Arbeitsbedingungen. Nun durften wir nicht eine Überkapazität planen, denn das Zeug ist teuer. Wenn wir zu wenig bauen wiederum, dann steht das halbe Ausland da, fängt an zu schreien und sagt: "Schämt ihr euch nicht? Wir können nicht richtig arbeiten." Also, beides musste vermieden werden, das war die Schwierigkeit. Ich bin recht glücklich, dass unsere Vermutungen, unsere Schätzungen sich als ziemlich realistisch herausgestellt haben.

 

Dittberner: Das hat übrigens auch Willi Daume gesagt, als er nach dem Sinn dieser Spiele gefragt hat, warum wir diese Spiele veranstalten. Da hat er gesagt, wir sind eigentlich auch ein wenig verpflichtet, ein so reiches Land, solche Spiele zu machen, und ein Optimum an technischem Material, an technischen Gegebenheiten zu liefern, und ich glaube, das ist alles in allem erreicht, auch für die Arbeitenden von Funk und Fernsehen.

 

Lembke: Das Schlimme ist, dass uns die Ausländer für viel reicher halten wie wir sind. Also, vor allem in den Entwicklungsländern und so herrschen sagenhafte Vorstellungen über den Reichtum dieses Wirtschaftswunderlandes Deutschland, so ist es auch nicht. Ich meine, die Entwicklungsländer in Asien und Afrika, die haben nicht nur kostenlose technische Einrichtungen verlangt, die haben tatsächlich zum Teil auch noch verlangt, dass wir die Leitungen dorthin fahren sollen. Dieses geht nun wirklich zu weit.

 

[Es folgt Musik]

 

Wolf: Das Wesentliche, meine Hörer, haben Sie, glaube ich, aus unserem ersten Gespräch schon erfahren. Ich hoffe, die kleine musikalische Pause hat Ihnen gut getan. Ich darf noch einmal sagen, das Deutsche Olympia-Zentrum ist eine Gemeinschaftseinrichtung von ZDF und ARD. Und nun werden Sie natürlich fragen: Was kostet ein solches Mammutunternehmen? Nun, hier ist die Antwort von Robert Lembke.

 

Lembke: Ich muss Ihnen folgendes sagen: Dieses ganze Unternehmen kostet die deutschen Rundfunkanstalten rund hundert Millionen Mark. Das ist eine Menge Geld. Auf der anderen Seite: Der Betrag wird natürlich nicht nur in bar aufgebracht, sondern auch in Form von Sachleistungen, das heißt, das meiste Gerät, was wir hier haben, haben wir uns von den deutschen Anstalten geliehen und geht nach den Spielen sofort wieder zurück. Aber wir haben natürlich eine Mietgebühr angesetzt. Die zweite große Position ist das qualifizierte Fachpersonal der Rundfunkanstalten, das es ja auf dem freien Markt nicht gäbe. Wir haben hier über 2100 Mann, Spezialisten, Techniker, Produktionsleute, und ohne dieses Menschenreservoir und ohne die Hilfe der Bundeswehr hätten wir das wirklich nicht machen können. Wir haben 64 Hörfunkstudios gebaut, wir haben 11 Farbstudios gebaut, wir haben 27 Farbübertragungswagen da, wir haben insgesamt 130 Farbkameras, wir haben über 900 Sprechstellen, verteilt auf 34 Kampfstätten, wir haben zwei Schalträume, einen für das Fernsehen und einen für den Hörfunk gebaut, in denen man von diesen 900 Sprecherplätzen in über 130 Länder schalten kann. Das ist ein riesiger technischer Aufwand. Auf der anderen Seite: Olympische Spiele sind kein Geschäft für ein Land, sind auch nicht als Geschäft gedacht. Sie sind einfach ein Public-Relations-Unternehmen für dieses Land, und wenn man es so betrachtet, kann man die Zahl der Menschen, die in die Stadien gehen, vergessen. Die braucht man sozusagen, damit aus einem Ereignis ein Erlebnis wird, die müssen die Atmosphäre dazu liefern, aber vom Standpunkt der Werbung aus könnte man die vergessen, diese paar Hunderttausend, im Vergleich zu den 900 Millionen oder der Milliarde Menschen, die diese Spiele aus München und Kiel über Fernsehen und Rundfunk auf der Welt verfolgen können. Wir waren die letzten 30 Jahre zu Gast bei anderen Gesellschaften, die nächsten 30 Jahre werden wir es wieder sein – in diesem Jahr zahlt Deutschland die Lokalrunde.

 

[Es folgt Musik]

 

Wolf: Sie haben, meine Damen und Herren, gehört, wie das Deutsche Olympia-Zentrum entstanden ist, Sie haben auch gehört, was es kostet, und vielleicht werden Sie nicht zu Unrecht jetzt fragen: Soviel Geld für 16 Tage? Und Sie hätten abermals recht, wenn Sie denken würden, das wäre sozusagen rausgeschmissenes Geld, Ihr Geld und mein Geld. Nun, Robert Lembke ist im Umgang mit viel Geld bekanntlich sehr erfahren. Wie sparsam er aber dennoch ist, weil er an die Zukunft denkt, erfahren Sie hier.

 

Lembke: Sie müssen etwas bedenken. Ich meine, ich weiß, dass wir den Kollegen manche Unbequemlichkeiten zumuten müssen, auch unseren direkten Mitarbeitern, aber auch unseren Gästen. Dieses Haus ist konzipiert als die spätere zentrale Hochschulanlage. Wir wollten ja kein eigenes Haus bauen für 16 Tage. Wir mussten also uns sozusagen in dieses für einen anderen Zweck errichtete Gebäude einschmiegen. Zum Beispiel der ganze Rundfunkteil, das wird die spätere Mehrzweckhalle, eine Leichtathletik-Trainingshalle mit 2000 Quadratmetern Grundfläche. Das ist natürlich eine hohe Halle, und wir haben eine Zwischendecke eingezogen, haben dadurch aus den 2000 Quadratmetern 4000 gemacht, haben über die Mittelachse Rücken an Rücken angeordnet in jeder Etage 32 Hörfunkstudios gebaut, und an den Außenwänden entlang die dazugehörigen Büros, sodass die ausländischen Gesellschaften, wenn die RAI etwa Studio 17 hat, dann hat sie auch Büro 17, und das sind genau zwei Schritte. Das ist natürlich wieder ein Glücksumstand gewesen, aber mehr wie 64 Studios wären in dieses Haus nicht hineingegangen. Da ist noch der Hauptschaltraum und der Postübergaberaum drin, sodass der ganze Hörfunk wirklich geschlossen in diesem einen Gebäude untergebracht ist. Natürlich haben die Büros keine Fenster, weil es ja eine geschlossene Sporthalle wird mit Klimaanlage, da sind keine Fenster drin. Das war halt leider nicht zu vermeiden, aber die Anlage ist gut klimatisiert.

 

Dittberner: Ich habe noch eine Frage, Herr Lembke: Viele Rundfunkhörer sind selbstverständlich auch Fernsehzuschauer, und viele Originalübertragungen werden selbstverständlich verfolgt. Ich habe bei den Testsendungen nun bemerkt, dass die Farbqualität ganz enorm gut ist, so gute Farben habe ich überhaupt noch nie gesehen.

 

Lembke: Ja, nun, wir haben uns Mühe gegeben und man lernt ja immer wieder was dazu, und auch die Technik macht Fortschritte. Ich muss sagen, auch die deutsche Industrie, die hier mitgezogen hat, wenn auch nicht zu so günstigen Bedingungen, wie ich eigentlich gehofft hatte in Anbetracht des Umstandes, dass hier ein Akt nationaler Repräsentanz vorliegt und dass das ja auch eine Werbewirkung für die deutsche Industrie hat. Also das gilt für einen Teil, würde ich sagen, ein Teil hat wirklich großzügig hier geholfen. Aber die Bildqualität ist gut. Wir haben nicht einmal optimale Kamera-Aufstellungen haben können, weil das Olympiastadion zwar optisch sehr hübsch ist, aber vom Standpunkt der Fernsehübertragungen gar nicht ideal. Wir müssen die Kamera entweder ein bisschen weit weg stellen oder mitten unter die Leute hinein. Aber ein bisschen haben ästhetische Gesichtspunkte eine größere Rolle gespielt als funktionelle. Beides kann man wahrscheinlich nicht haben. Es ist mir in München gelungen und ich habe das Organisationskomitee überzeugt, dass die Presseplätze, die Rundfunk- und Fernsehplätze vor allem, nicht horizontal sondern vertikal über der Ziellinie angeordnet werden müssen, sodass man also einen wirklich guten Blick hat, und außerdem haben wir dafür gesorgt, dass auch alle Hörfunk-Kollegen einen Monitor vor sich haben, und wenn sie wirklich ein paar Meter noch seitverschoben sitzen, dass sie dann wenigstens im Monitor genau sehen können, wer hat nun die Nase vorne. Wissen Sie, für den schreibenden Kollegen ist es ganz leicht, der wartet halt die 20 Sekunden, bis auf der Anzeigentafel der Name erscheint, aber beim Rundfunkreporter erwarten die Leute ja sofort, dass er berichtet, was passiert ist.

 

Dittberner: Zu unserer Vorbereitungsarbeit gehörte natürlich auch die Besichtigung der ganzen Sportanlagen. Hier sind die Plätze für die Zuschauer erstklassig hergerichtet und auch für die Reporter, beispielsweise im Radstadion. Auch das Radfahren ist ja so ein Fall, wo man sich ganz genau festlegen muss, es geht ja da oft um die berühmte Reifenstärke. Da sitzen wir Hörfunkreporter genau oberhalb des Zielstriches.

 

Lembke: Das ist etwas, was man halt aus den Erfahrungen von zehn oder zwölf Spielen gelernt hat. Ich darf hier auf etwas aufmerksam machen, und das ist vielleicht auch für unsere Hörer interessant, die Fernsehapparate haben: Die besten Bilder, die wir aus München liefern, werden wir wahrscheinlich aus dem Schwimmstadion liefern können. Da ist es uns gelungen, eine Kamera zu erfinden, die an der Decke über dem Becken hängt und die schwenkbar ist. Wir können also die Schwimmer nicht nur von vorne, von hinten, von der Seite, sondern auch von oben verfolgen, und das gibt wunderschöne Bilder. Auch haben wir optimale Lichtverhältnisse. Also, ich glaube persönlich, dass die Bilder aus dem Schwimmstadion die schönsten Bilder sind, die wir abliefern.

 

Dittberner: Das möchte ich auch sagen, und dazu noch die Unterwasserbilder, Herr Lembke. Unmittelbar nach dem Eintauchen kann man dann den Kunstspringer oder die Kunstspringerin noch verfolgen.

 

Lembke: Die Kunstspringerin können Sie nicht unter allen Umständen verfolgen, denn vor allem beim Turmspringen ist es so, dass durch den Druck des Eintauchens die Dame oft den oberen Teil ihres Badeanzugs verliert, und da halten unsere Kameras nun diskreterweise nicht hin.

 

Dittberner: Schade.