Ausblick: Die Spiele der XXI. Olympiade Montreal 1976
"Mit Olympischen Spielen kann man genausowenig einen Verlust machen wie ein Mann ein Baby bekommen kann."
Am 13. Mai 1970 auf der 70. IOC-Sitzung in Amsterdam setzte sich Montreal im zweiten Wahlgang mit 41 Stimmen gegen Moskau (28) und Los Angeles durch. Bürgermeister Drapeau hatte bei der Anhörung noch zuversichtlich verkündet, die Spiele würden sich ohne jegliche Steuerhilfen selbst finanzieren und den Weg zurück zur Bescheidenheit zeigen. So gingen dann auch die folgenden Planungen von einem Gesamtetat von moderaten 310 Millionen Dollar aus. Neu errichtet werden sollten das Olympiastadion, das Olympische Dorf, die Schwimmhalle, das Radstadion und eine Regattastrecke für Rudern und Kanu. Als Einnahmequellen sollten nach Münchner Vorbild eine Olympia-Lotterie sowie der Verkauf von Gold- und Silbermünzen dienen.
Doch Olympia 1976 in Montreal stand unter keinem guten Stern. Dabei mag eine Rolle gespielt haben, dass die Bewerbung der Stadt von Bürgermeister Drapeau ohne finanzielle Rückendeckung durch die kanadische Bundesregierung oder die Provinz Quebec quasi im Alleingang durchgesetzt worden war. Zudem hatten die Organisatoren das unverschuldete Pech, dass die Bauphase, deren Beginn sich wegen Geldmangels bis April 1973 hingezogen hatte, in die Zeit einer internationalen Rezession fiel, die bis Anfang der achtziger Jahre dauern und in vielen westlichen Industriestaaten zu einer hohen Inflation führen sollte. Mehrere Streiks der Bauarbeiter sorgten für weitere Verzögerungen und so stiegen die Gesamtkosten auf schließlich 1,4 Milliarden Dollar in die Höhe.
Denn auch mit der von Drapeau beim IOC beschworenen Bescheidenheit hatte es schon bald ein Ende: Ohne öffentliche Ausschreibung beauftragte er im Jahr 1972 einen guten Freund, den französischen Stararchitekten Roger Taillibert (siehe Foto links im Hintergrund), mit dem Entwurf des Parc Olympique. Bald darauf begannen die Planungen für die Olympiastätten, die das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" im Sommer 1976 als die "kühnsten und teuersten Sportbauten der Menschheitsgeschichte" bezeichnete: Das Olympiastadion wurde als futuristische Betonschüssel mit dem von einem Turm herabhängenden, abnehmbaren Fallschirmdach (siehe Grafik im Foto links) entworfen. Aber da Extravaganz auch extra kostet, sollte der vom Organisationskomitee COJO vorgesehene finanzielle Rahmen für die Spiele bald vollends aus dem Ruder laufen. Ein zusätzlicher Kostentreiber waren auch die Sicherheitsvorkehrungen, die nach dem Terroranschlag von München massiv verstärkt wurden.
Das Dach des Olympiastadions von Montreal im Trickfilm (Flash-Video)
Drapeau konnte nach der Kommunalwahl von 1970, bei der seine Partei sämtliche Sitze gewann, wie ein kleiner Napoleon als Alleinherrscher im Montrealer Rathaus regieren - was er auch tat. Seine gigantischen Olympiapläne vor dem Hintergrund der sozialen Probleme im Großraum Montreal, wo rund 20 Prozent der Bevölkerung in Armut lebten, standen in einem Spannungsverhältnis, das zunehmende Kritik bei der Bevölkerung und in den Medien auslöste. Im November 1975, als feststand, dass die Olympiabauten nicht mehr rechtzeitig fertiggestellt sein würden und eine Blamage von historischem Ausmaß drohte, übernahm schließlich die Provinzregierung von Quebec als neue Aufsichtsbehörde die Kontrolle über Olympia. Drapeau, den Kritiker als "eine Mischung aus Walt Disney und Al Capone" bezeichneten, war damit faktisch entmachtet.
Ebenfalls im Jahr 1975 war trotz aller widrigen Umstände innerhalb von nur acht Monaten das Olympische Dorf für 10.000 Athleten entstanden und das Stade Olympique war mit der Hilfe von 19.000 Fertigbauteilen nach einer Bauzeit von nur sechs Monaten errichtet worden - ein vorolympischer Weltrekord. Nur vom Turm stand bis zur Eröffnungsfeier lediglich der Sockel und auf diesem zwei Baukräne, die auf vielen Fotos von der Eröffnungsfeier im Hintergrund zu sehen sind (siehe auch Foto unten).
Wettkämpfe auf der Baustelle: Das Olympiastadion von Montreal im Jahr 1976 und heute
Beim Erscheinungsbild der Spiele orientierten sich die Organisatoren an München: Man übernahm die von Otl Aicher entworfenen Piktogramme und die Schriftart ‘Univers’. Als dominierende Farbe wurde in Anlehnung an die kanadische Landesfahne Rot gewählt, auch als Kontrast zu den Münchner Spielen, bei denen man bewusst auf diese Farbe verzichtet hatte.
Die Musik für die Eröffnungs- und Schlussfeier wurde vom kanadischen Komponisten Victor Vogel gestaltet. Die Stücke basierten auf Werken des Pianisten und Komponisten André Mathieu und wurden für Olympia neu arrangiert. Die Musik zum Einzug der Nationen erinnerte dann allerdings mehr an die Gladiatorenkämpfe eines Ben Hur als an die Leichtigkeit der Musik von Kurt Edelhagens Orchester vier Jahre zuvor.
André Mathieu & Victor Vogel: The March of the Athletes (MP3-Datei)
Auch die Spiele selbst, gesichert von 16.000 Polizisten, liefen nicht ohne Komplikationen ab. Montreal erlebte den ersten massiven Olympia-Boykott, und zwar durch die schwarzafrikanischen Staaten. Diese zogen in letzter Minute ihre Mannschaften zurück, weil Neuseeland nicht wie gefordert von den Spielen ausgeschlossen worden war. Neuseeländische Rugbyspieler hatten zuvor die sportliche Isolation des Apartheidstaates Südafrika durchbrochen und im Sommer 1976 eine Tournee durch das Land am Kap unternommen. Da das IOC nicht zum Einlenken bereit war - Rugby war schließlich keine olympische Sportart - fehlten bei der Eröffnungsfeier am 17. Juli 1976 Sportler aus insgesamt 30 afrikanischen Ländern.
Für die Olympiamannschaft der DDR wurden die Spiele von Montreal zu den erfolgreichsten ihrer Geschichte. Bei der Endabrechnung lag man im Medaillenspiegel mit 40 Gold- und je 25 Silber- und Bronzemedaillen hinter dem großen Bruder UdSSR auf Rang zwei, noch vor den USA (!) und der Bundesrepublik - eine beeindruckende Bilanz (auf die Doping-Problematik wird an dieser Stelle nicht eingegangen). Kornelia Ender vom Sportklub Chemie Halle errang als erfolgreichste DDR-Athletin vier Gold- und vier Silbermedaillen im Schwimmen. Sie wurde Olympiasiegerin über 100 m Freistil, 200 m Freistil, 100 m Schmetterling und mit der 4×100 m Lagenstaffel.
Nach der Schlussfeier am 1. August 1976 standen die Organisatoren vor einem Schuldenberg von fast einer Milliarde Dollar, den sich die Stadt Montreal mit 200 Millionen und die Provinz Quebec mit 790 Millionen teilten. In den Folgejahren erlebte Montreal mit sinkendem Wirtschaftswachstum bei steigender Armut die Folgen des olympischen Abenteuers. Die Provinzregierung von Quebec erhob zur Begleichung der Schulden eine Sondersteuer auf Tabakwaren und Immobilien, doch erst im Jahr 2006 war das Defizit vollständig ausgeglichen. Montreal bleibt bis heute die Stadt, die am stärksten unter den finanziellen Folgen der Ausrichtung der Spiele zu leiden hatte.
Der elegant geschwungene Turm, der dem Olympiastadion als Mast für die Befestigungsseile des Stadiondaches dient, konnte erst im Jahr 1987 fertiggestellt werden. Im Innern des Turmes befördert eine Seilbahn die Besucher bis zur 166 Meter hohen Aussichtsplattform hinauf. Im Jahr 1999 wurde das Stadiondach schließlich wegen Schäden an der Membran komplett neu gebaut, jedoch dieses Mal als festes, nicht abnehmbares Dach.