Interview der ARD-Olympiawelle mit den Organisatoren der Spiele

 

"Es ist sehr schwer, die Maschine wieder in Gang zu bringen"

 

Das Interview mit Siegfried Perrey und Hermann Reichart führte Michael Stiegler am 5. September 1972 um 16.30 Uhr

 

 

Meier [Hörfunk-Reporter der ARD-Olympiawelle in der Sendezentrale]: Ja, meine Damen und Herren, die Ereignisse laufen weiter, vor etwa einer halben Stunde hat Hans Klein vom OK eine Presseerklärung abgegeben, die Willi Daume und IOC-Präsident Avery Brundage sozusagen anbringen mussten. Der olympische Friede, wird dabei festgestellt, ist durch den Mordanschlag verbrecherischer Terrorgruppen gebrochen worden. Die gesamte zivilisierte Welt verurteilt diesen Anschlag mit Abscheu. Wir werden mit Ehrfurcht der Opfer gedenken und zu ihrer Anteilnahme die Veranstaltungen des Mittwochs [gemeint war der Dienstag] abbrechen. Das IOC und das OK sowie die Olympiateilnehmer treffen sich am Mittwoch um 10 Uhr im Olympiastadion zu einer Trauerfeier. Nun, wir haben versucht, ständig die neuesten Informationen für Sie, meine Damen und Herren, zu bekommen. Es ist nicht immer ganz leicht und es ist nicht immer ganz einfach, und wir wollen Sie nur mit wirklichen Meldungen, mit wirklichen Informationen versorgen, wir wollen nicht mit Gerüchten oder Vermutungen operieren, denn es könnte sonst zu leicht zu einer Eskalation der Ereignisse kommen. Michael Stiegler befindet sich derzeit in der Einsatzzentrale des OK in München, und er hat als ächspartner Siegfried Perrey. Michael Stiegler, was gibt es zu berichten aus der Einsatzzentrale?

 

Stiegler: Ja, ich glaube, man muss zunächst Herrn Perrey herzlichen Dank sagen, dass er sich bereit erklärt hat für dieses kurze Live-Interview, denn es geht natürlich auch hier alles drunter und drüber, das ist verständlich. Herr Perrey, diese Meldung, die eben mein Kollege Herbert Meier verlesen hat, sie ist also vor kurzem herausgekommen, sie ist die offizielle Meinung des OK und des IOC. Das IOC meinte ja, das OK hätte jetzt die Entscheidung für die weitere Entwicklung, nachdem Sie die Aufgabe der Spiele übertragen bekommen haben. Wie, können Sie sich vorstellen, geht es jetzt ganz konkret weiter?

 

Perrey: Es ist sehr schwer, jetzt wieder, nach dem Stillstand, die Maschine in Gang zu bringen. Wir müssen heute Abend mit allen Föderationen, die in den nächsten Tagen zusammen sind, ein neues Programm, ein gerafftes Programm machen, wir müssen die ausgefallenen Spiele und Wettbewerbe jetzt umbauen, wahrscheinlich zum größten Teil morgen zu anderen Zeiten ansetzen, und die Führung des Hauses wird sich mit Herrn Präsidenten Daume heute Abend abstimmen, in welcher Form Empfehlungen an die Föderationen gegeben werden, die hier ausgefallenen Wettkämpfe und Spiele so schnell wie möglich nachzuholen.

 

Stiegler: Im Augenblick ist auch der stellvertretende Generalsekretär, Herr Reichart, noch hier hereingekommen. Herr Reichart, das heißt ganz klar, was Herr Perrey eben sagte, dass die Spiele nicht grundsätzlich abgebrochen, sondern eben nur unterbrochen werden?

 

Reichart: So ist es. Wir sträuben uns dagegen, dass die olympische Idee des Friedens einfach vor verbrecherischem Tun kapituliert. Und eine Aufgabe der Spiele wegen fünf Terroristen, was sie auch angestellt haben mögen, würde, das ist meine persönliche Meinung, zunächst einmal eine Kapitulation des Friedensgedankens vor einzelnen Terrorakten bedeuten.

 

Stiegler: Es war geplant, für heute Abend bereits die Schlusszeremonie zu üben. Herr Reichart, das wird natürlich vorerst abgesagt, denn wahrscheinlich wird die Schlusszeremonie, wenn es weitergehen sollte in irgendeiner Form, in anderer Art und Weise über die Bühne gehen.

 

Reichart: Sicher, man wird für die Schlusszeremonie ganz neue Gedanken finden müssen. Im Augenblick sind wir in der Planung, wie trotz des Ausfalls der heutigen Spiele vielleicht doch die Spiele noch zu Ende geführt werden können.

 

Stiegler: Herr Reichart, eine Frage noch: Wenn das heute hoffentlich alles zu einem guten Ende geführt wird, glauben Sie, dass dann morgen bereits wieder mit einem, wie Herr Perrey eben andeutete, verkürzten Programm alles wieder weiterlaufen wird, oder könnte es sein, dass auch morgen noch Stille ist nach der Trauerfeier, die ja jetzt vorgenommen werden wird um 10 Uhr, oder wird es irgendwie wieder weitergehen, morgen gleich?

 

Reichart: Wir hoffen, dass es morgen wieder weitergeht, und ich bitte nochmals die Bevölkerung um Verständnis für den Gedankengang, dass man nicht einfach mit einer Idee des Friedens kapitulieren kann. Das würde eine Anregung sein für Terroristen, alle möglichen Veranstaltungen, Weltausstellungen, Weltmeisterschaften, was es ist, in der Weise zu stören.

 

Stiegler: Herr Reichart, letzte Frage: Sind Sie auf diesem Gebiet mit Ihrer Meinung identisch mit vielen anderen? Sie haben sicher viele Telefoninterviews in der letzten Stunde in eigener Sache geführt, wenn ich das sagen darf, Telefongespräche, haben Sie die große Mehrheit des IOC und damit auch der internationalen Sportkommissionen hinter sich?

 

Reichart: Ich möchte mich eigentlich jetzt da nicht festlegen, weil die Situation ja jede Stunde anders werden kann. Im Augenblick ist es meine Meinung. Wir müssen jetzt abwarten, die Situation kann sich verändern, und vielleicht kann man dann auch zu anderen Ergebnissen kommen. Man kann jetzt nicht feststellen, wohin die Meinung geht, weil dazu die Ereignisse noch zu sehr im Fluss sind.

 

Stiegler: Soweit also die Meinung um 16.35 Uhr hier aus der Leitzentrale des Organisationskomitees an der Saarstraße, und ich gebe damit wieder zurück in die Sendezentrale des DOZ.