Nächtliche Pressekonferenz der Entscheidungsträger

 

"Wir bedauern zutiefst, dass unserem Einsatz kein besserer Erfolg beschieden war"

 

Für die ARD-Olympiawelle berichtete Michael Stiegler aus dem Pressezentrum am 6. September 1972 um 2.30 Uhr nachts

 

 

Meier [Hörfunk-Reporter der ARD-Olympiawelle in der Sendezentrale]: Meine Damen und Herren, es ist soweit, die Pressekonferenz scheint zu beginnen, ich schalte sofort um zu Michael Stiegler.

 

Stiegler: Ja, meine Damen und Herren, hier also wieder das Pressezentrum. Im Augenblick kommt Innenminister Genscher, Innenminister Dr. Bruno Merk, Polizeipräsident Dr. Schreiber auf uns zu. Etwa 600 Kollegen sind es, die anscheinend in Windeseile informiert worden sind und jetzt darauf warten, dass nach 23 Stunden, eine lange, lange Wartezeit, eine Bilanz gezogen wird. Eine Bilanz, die, meine Damen und Herren, wir deuteten es an, sicher nicht erfreulich sein wird, und wenn wir oft sagten, Sie sind direkt mit dabei, jetzt müssen wir sagen, Sie müssen jetzt miterleben, was die letzten 23 Stunden gebracht haben. Wir blenden jetzt auf das Mikrofon, an dem jetzt die Verantwortlichen Rede und Antwort stehen werden.

 

Klein: Meine Damen und Herren, ich eröffne die letzte Pressekonferenz dieser Nacht. Der zuständige bayerische Innenminister Dr. Merk und der Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher werden über den Verlauf der Aktion berichten.

 

[Es folgen die englische und französische Übersetzung]

 

Merk: Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich darf den Beginn der Ereignisse des heutigen Tages als bekannt voraussetzen. Die Lage, die wir vorgefunden haben, die für unsere polizeitaktischen Überlegungen maßgebend waren, war folgende, dass es Arabern, Fedayin, gelungen ist, Israelis in ihre Hand zu bekommen. Wie wir inzwischen wissen, waren es zehn, einer davon ist bei den Auseinandersetzungen anlässlich der Geiselnahme ums Leben gekommen, neun blieben in der Gewalt der ursprünglich acht, dann, durch Verletzungen war einer ausgeschieden, sieben Fedayin. Wir waren konfrontiert mit der Forderung der Fedayin, bei der israelischen Regierung zu erwirken, dass etwa 200 namentlich genannte, auf einer Liste uns übergebene Gefangene in israelischem Gewahrsam freigelassen werden sollen. Es waren Ultimaten gestellt, die zeitlich jeweils knapp befristet waren, ursprünglich bis 9 Uhr. Es ist uns gelungen, im weiteren Verlauf mehrfach diese Frist verlängert zu erhalten. Die Situation war weiter die, dass die Fedayin, mit denen wir mehrfach verhandelt haben, letzte Entschlossenheit haben erkennen lassen, ähnlich wie wir sie auch in Lod erfahren haben, dass sie die Geiseln dann umbringen werden, wenn ihre Forderungen nicht kurzfristig erfüllt würden oder wenn eine Befreiung versucht werden sollte.

 

[Die englische Übersetzung beginnt]

 

Stiegler: Verehrte Hörer, wir bitten Sie um Geduld, dass wir jetzt während der Übersetzungen in Englisch und Französisch natürlich nicht gleichzeitig einen Interviewpartner auf die Seite nehmen können, wir möchten gerne dabei bleiben bei der direkten Beantwortung offenstehender Fragen.

 

Merk: [Unterbricht den Englisch-Übersetzer] Meine Damen und Herren, ich muss mich in diesem Punkt gleich korrigieren. Wir waren bis zu unserem Abflug nach Fürstenfeldbruck davon ausgegangen, dass einer der beiden hier im Dorfbereich bei der Geiselnahme Getöteten ein Araber war. Wie sich nach unserem Abflug durch nähere Untersuchung herausgestellt hat und ich eben erfahre, waren beide Getöteten in dem Dorfbereich Israelis und keine Araber. Das nur zur Klarstellung, damit bei der Übersetzung gleich Klarheit herrscht.

 

[Die englische Übersetzung wird fortgesetzt, dann folgt die französische Übersetzung]

 

Bei dieser Sachlage, die soeben geschildert wurde, war es unsere Aufgabe und gleichzeitig unser Ziel, die Geiseln zu befreien und Menschenleben, soweit irgend möglich und erreichbar, zu schonen. Diese Aufgabe wurde erschwert einmal durch die Tatsache, dass es nicht möglich war, irgendwelche Zusicherungen über die Befreiung von arabischen Häftlingen in israelischem Gewahrsam zu erreichen, zweitens die erkennbare Entschlossenheit der Araber, jedweden Befreiungsversuch sofortmit entsprechenden Angriffen auf die Geiseln zu erwidern. Die Problematik für uns war weiter, dass die Geiseln mit ihren Bewachern mitten im belebten Bereich des Olympischen Dorfes waren, in schwer zu sichernden Gebieten mit vielfältigen Zugangsmöglichkeiten, und Sie haben ja alle die Ansammlungen selbst miterlebt, die sich im nahen und nächsten Einzugsbereich hier gezeigt haben. Zu diesem Zweck haben wir versucht, zunächst einmal in zahlreichen Verhandlungen, einen Verhandlungsaufschub zu erreichen. Das ist uns gelungen bis 11 Uhr, bis 13 Uhr, bis 15 Uhr, bis 17 Uhr, bis 19 Uhr und letztlich bis 21 Uhr, wobei natürlich jedwede Verhandlung ihrerseits wieder Konsequenzen für unser weiteres Verhalten gefordert hat, mit einer Situation, wo wir, um nicht Misstrauen zu erregen, auch gewisse Aktionen unsererseits einleiten mussten. Das Ziel der Verhandlungen war erstens, nach Möglichkeit eine Freigabe der Geiseln zu erreichen. Zu diesem Zweck hat sich Herr Bundesminister Genscher ebenso wie die anderen Verhandlungspartner, die mit den Fedayin gesprochen haben, bereit erklärt, sich selbst als Geiseln zu Verfügung zu stellen, wenn die neun noch lebenden israelischen Geiseln freigelassen würden. Dieses Angebot wurde rundweg abgelehnt mit der Erklärung, es ginge ihnen nicht um deutsche Geiseln, sondern es ginge ihnen um die Freilassung der arabischen Häftlinge in israelischem Gewahrsam.

 

[Die englische Übersetzung beginnt]

 

Stiegler: Während also jetzt die Übersetzung vor sich geht, möchte ich es doch noch einmal wagen, wie vorhin bereits, gleichzeitig um Sie nicht zu lange hinzuhalten mit den Übersetzungen in Englisch und Französisch, mit Ihnen, Herr Dr. Vogel [Münchens ehemaliger Oberbürgermeister], eine kleine Bilanz zu ziehen. Wir haben noch nicht darüber gesprochen, wieviele Tote es gegeben hat, das werden wir jetzt gleich hören. Meine Frage geht ganz konkret an Sie als Präsidiumsmitglied des OK: Sind die Spiele damit heute zu Ende?

 

Vogel: Sie wissen, dass das Internationale Olympische Komitee gestern etwa gegen 12 Uhr eine Entscheidung getroffen hat, die auf dem damaligen Nachrichtenstand beruhte. Nachrichten, die da über das Fernsehen gingen, lauteten, dass alle oder fast alle Geiseln überlebt hätten. Unter dieser Voraussetzung hat man die Trauerfeier beschlossen, eine halbe Stunde, 10 bis 10.30 Uhr, und dann die Fortsetzung der Spiele. Jetzt ist eine neue Lage, und ich trete dafür ein, dass aufgrund dieser neuen Lage das IOC morgen so früh als möglich informiert wird, dass dem IOC noch einmal Gelegenheit gegeben wird, die Argumente gegeneinander abzuwägen. Auf der einen Seite die Trauer und, man muss jetzt schon sagen, das fassungslose Entsetzen über diesen Ausgang.

 

Stiegler: Keine überlebenden Geiseln?

 

Vogel: Ich möchte jetzt dazu nichts sagen, weil die Erklärungen laufen. Auf der anderen Seite ein Aufbäumen dagegen, geradezu ein Aufbäumen, dass man vor dieser grauenhaften Untat kapituliert und damit sichtbar macht, dass selbst ein Bemühen und ein Streben nach einer friedlichen Veranstaltung durch das Handeln von acht, neun Desperados unmöglich gemacht werden kann. Diese beiden Dinge ringen geradezu miteinander, und ich selber bin mir noch nicht klar.

 

Stiegler: Herr Dr. Vogel, Sie deuteten es eben an, dass es tragisch und dramatisch ist, dass es wenigen Menschen möglich ist, das zu zerstören, was Millionen mit Freude, mit Begeisterung, mit ehrlicher Begeisterung tagelang verfolgen konnten, dass all das, was man hier zeigen wollte, nämlich ein ganz anderes, neues Leben in unserem Volke, schlagartig in furchtbare Trauer umschlagen muss. Es gibt wahrscheinlich, Sie haben recht, keine Worte dafür, trotzdem hieß es ja, wenn die Geiseln nicht am Leben bleiben, dann würde man die Spiele abbrechen. Man ging davon aus, dass die Geiseln überleben würden.

 

Vogel: Ich weiß keine Details über die Argumentation in der Sitzung des Internationalen Olympischen Komitees, infolgedessen kann ich das als Meinung des IOC jetzt nicht bestätigen. Es gab in der öffentlichen Diskussion Stimmen, die in diese Richtung gingen, auch der Bundeskanzler hat in einem Interview für das israelische Fernsehen die Fortsetzung unter der Voraussetzung befürwortet, dass es nicht zu weiterem Blutvergießen kommt. Nun, mit dieser neuen Situation wird sich das IOC, glaube ich, morgen noch einmal beschäftigen müssen. Ich muss Ihnen auch gestehen, dass es gerade mir wirklich nicht leicht fällt, da nun Bewegung und sehr tiefen Schmerz zu unterdrücken, ich meine, diese Stadt hat ja sechs Jahre eigentlich keiner anderen Aufgabe sich gewidmet. Aber vielleicht, ich sag's noch einmal, kann auch daraus noch etwas Positives werden, wenn jetzt dieser Aufschrei, der da durch die ganze Welt geht, nicht einfach verhallt, sondern wenn er von den Vereinten Nationen aufgenommen wird und wenn die Welt sich einigt in der Verurteilung dieser grauenhaften Untaten.

 

Stiegler: Ich bitte, mein Mikrofon trotzdem offen zu lassen, wir blenden aber jetzt wieder über in die direkte Beantwortung.

 

Merk: Die Araber gingen nicht nur auf kein Austauschangebot ein, sie haben auch rundweg jedwede Verhandlung über finanzielle Ablösungen abgewiesen. Wir haben nun versucht, eine Fristverlängerung bis zum morgigen Tag zu erreichen, um weitere Verhandlungen zu ermöglichen. Das hat sich zerschlagen, nicht zuletzt deswegen, weil sich die Araber mit den israelischen Geiseln dahin einverständlich geeinigt haben, dass sie gemeinsam in einem Flugzeug nach Kairo verbracht werden wollen, wo dann die weiteren Verhandlungen über die Freilassung arabischer Häftlinge hätte geführt werden sollen. Das wäre, wenn wir einen Abtransport zugelassen hätten, das sichere Todesurteil für die Geiseln gewesen, weswegen wir eine Befreiung versuchen mussten, unter Abwägung der Risiken. Wir haben verschiedene Möglichkeiten überprüft, sowohl im Bereich des Olympischen Dorfes wie auch am Flugplatz Fürstenfeldbruck, wohin eine Maschine der Lufthansa beordert war und wohin wir die Araber mit ihren Geiseln durch Hubschrauber verbringen wollten. Ein Einsatz im Olympischen Dorfbereich, im Basement der hier in Frage stehenden Gebäude, hat sich als unmöglich erwiesen durch die Bedingungen, die von den Arabern für den Abtransport gestellt wurden beziehungsweise dadurch, dass unsere Vorschläge für den Weg zum Flugzeug nicht akzeptiert wurden, der möglicherweise eine Befreiung ohne Risiken für Menschenleben zugelassen hätte. Bei dem dann einzig möglichen Transportweg zum Flugzeug war ein Versuch der Befreiung nicht möglich, wenn wir nicht in nicht mehr absehbaren Ausmaßen auch Dritte hätten gefährden wollen, bis in den Bereich der Sportler auch anderer Staaten hinein. Es kam dann zum Abtransport auf den Flugplatz Fürstenfeldbruck, wo wir dann versucht haben, mit polizeilichen Spezialschützen die Araber kampfunfähig zu schießen, was erschwert wurde dadurch, dass, was auch befürchtet werden musste, die Araber die Hubschrauberpiloten als weitere Geiseln behandelt haben und sie gezwungen haben, vor den Hubschraubern zu warten, während ihr Anführer und ein weiterer Araber zu der Lufthansa-Maschine gegangen sind und diese inspiziert haben.

 

[Die englische Übersetzung beginnt]

 

Stiegler: Herr Dr. Vogel, Sie haben zwölf Jahre als Oberbürgermeister dieser Stadt ganz wesentlich die sogenannte "weiche Linie" der Münchner Polizei mitbestimmt. Die Münchner Polizei hatte bei manchen Einsätzen, das sei hier auch klar gesagt, viel Glück und die richtige Entscheidung, sie hatte bei einigen leider kein besonders großes Glück. Es wird morgen sicher, oder heute noch, die Kritik laut werden, wie war es möglich, dass alles so ablaufen konnte, wie wir es jetzt gleich hören werden?

 

Vogel: Herr Stiegler, es ist noch zu früh, darüber ein Urteil zu fällen. Ich habe selber über weite Strecken als Ohren- und Augenzeuge die Bemühungen der drei Verantwortlichen, der beiden Minister und des Herrn Schreiber, verfolgt. Ich kann nur bestätigen, dass sie wirklich mit äußerster Mühe um die richtige Lösung gerungen haben, die Risiken gegeneinander abgewogen haben. Heute schon zu urteilen, jene Alternative wäre besser gewesen als diese, es ist fast nicht möglich, zumal ja all die anderen Alternativen nicht tatsächlich durchgeprüft worden sind, ich meine im praktischen Vollzug. Ich glaube, natürlich wird es jetzt Kritik geben, aber man sollte bitten, dass sie sachlich und fair geübt wird, dass sich jeder, der kritisiert, in die Rolle dieser drei Männer hinein versetzt.

 

Stiegler: Herr Dr. Vogel, ist die israelische Regierung informiert über die Tragik?

 

Vogel: Nach meiner Kenntnis haben die Minister, bevor sie hierher gekommen sind, nachdem sie von Fürstenfeldbruck zurück gekommen waren, mit dem Botschafter Ben-Horin ein Gespräch geführt und haben ihn über diesen tragischen Ausgang informiert.

 

Stiegler: Meine Damen und Herren, wir blenden uns jetzt wieder ein. Ich möchte ausdrücklich nochmal Ihnen herzlichen Dank sagen, Herr Dr. Vogel, dass Sie bereit sind, bei dieser Live-Übertragung mit mir dieses Gespräch heute zu führen, während nebenan, wie gesagt, diese Pressekonferenz, das heißt einen Meter entfernt von uns, mit den Dolmetschern weitergeht, und wir hören jetzt wieder direkt hinein, dann vielleicht bitte nachher doch noch die eine oder andere Frage.

 

[Die französische Übersetzung läuft]

 

Merk: Sowohl die Rücksicht auf das Leben der Piloten wie auch die inzwischen hereingebrochene Dunkelheit, wir hatten zwar das Gelände ausgeleuchtet, jedoch eine dabei zwangsläufig zu Tage tretende Schattenbildung der Hubschrauber und anderer in diesem Bereich stehender Objekte hatte zur Folge, dass wir nicht sofort alle Araber kampfunfähig schießen konnten. Die noch Kampffähigen machten sofort ihre Drohung wahr, eröffneten mit Salven aus ihren Maschinenpistolen das Feuer sowohl auf die beiden Hubschrauber und die dort noch innen sitzenden Geiseln wie auch auf das Gebäude, das Flughafengebäude. Dabei kamen die Geiseln ums Leben, ebenso ein Beamter der Stadtpolizei München. Ein Hubschrauberpilot wurde schwer verletzt, er liegt derzeit im Krankenhaus Harlaching in Behandlung. Wir hoff...

 

[Es folgt die Frage eines Journalisten]

 

Moment, ich komme sofort noch darauf. Es muss damit gerechnet werden, dass alle Geiseln dabei ums Leben gekommen sind. Es besteht noch eine geringe, eine schwache Hoffnung, dass eine, höchstens zwei Geiseln sich in die Dunkelheit absetzen konnten. Das ist deswegen nicht mit letzter Genauigkeit, bis zu unserem Abflug draußen in Fürstenfeldbruck, festzustellen gewesen, weil einer der beiden Hubschrauber durch eine Handgranate eines Fedayin zur Explosion gebracht wurde und total ausbrannte. Rettungsversuche mit Krankenwagen und Feuerlöschfahrzeugen, sofort einen Lösch- und Rettungsversuch zu unternehmen, wurden durch Schüsse aus dem anderen Hubschrauber unterbunden, und es schien uns keinen Sinn zu haben, weitere Menschenleben zu gefährden, ohne ein anderes Menschenleben dabei retten zu können. Die Untersuchungen des ausgebrannten Hubschraubers werden letztlich ergeben, ob aus ihm, wofür ein geringer Anhaltspunkt besteht, sich noch eine oder höchstenfalls zwei Geiseln absetzen konnten. Das ist der letzte Sachstand nach unserem Weggang in Fürstenfeldbruck.

 

[Es folgt die Frage eines Journalisten]

 

Von den Fedayin sind vier getötet, drei in Haft.

 

[Die englische Übersetzung beginnt]

 

Stiegler: Lassen Sie mich noch einmal zusammenfassen. Es ist vielleicht ein bisschen untergegangen hier, wieviele Tote es eigentlich gegeben hat bei dieser tragischen Katastrophe, so wohl kann man sie bezeichnen, in Fürstenfeldbruck. Herr Dr. Vogel, es sind neun Geiseln getötet worden, ein Polizist und vier Guerillas?

 

Vogel: Diese Zahlen sind richtig, ich bin mir jetzt allerdings selber nicht ganz im Klaren, ob nicht noch hinzugerechnet werden müssen die beiden Israelis, die heute morgen schon ermordet worden sind, wodurch die Gesamtzahl der Opfer sich auf 16 belaufen würde, eine furchtbare Zahl.

 

Stiegler: Es gibt wohl kaum einen Menschen in unserer Stadt, der deprimierter ist über die Entwicklung der letzten 24 Stunden, als Sie, Herr Dr. Vogel. Sie hatten so viel Hoffnung auf diese Spiele gesetzt, wie viele, viele andere Menschen auch. Diese Hoffnungen sind zerstört, ganz ohne Zweifel. Glauben Sie, dass die Welt diese Situation richtig einschätzen wird, dass man verstehen wird, dass die Münchner wirklich keine Schuld hatten?

 

Vogel: Tja, die ersten Reaktionen, die wir gestern im Lauf des Tages gehört haben, waren einhellig in der Verurteilung der Untat und eigentlich ohne nennenswerte Angriffe, wobei ich Verständnis dafür habe, dass natürlich die Israelis den Umstand, dass ihre Landsleute hier in München ums Leben gekommen sind, besonders schmerzlich empfunden haben, und dass das Erinnerungen an die Vergangenheit geweckt hat. Wie das Echo nun morgen aussehen wird, nachdem dieses Ergebnis bekannt ist, das bleibt abzuwarten. Es wird natürlich jetzt Stimmen der Kritik geben, es wird eine große Diskussion geben, aber ich kann eigentlich nur appellieren daran, dass alle, die Kritik üben, an solche Vorgänge in ihrem eigenen Land denken. Ich muss auch in dem Zusammenhang noch einmal daran erinnern, dass Israel im eigenen Lande solchen Situationen sich immer wieder, zunächst einmal fast schutzlos, ausgesetzt sah. Aber es wird eine lebhafte Diskussion geben. Keine gute Diskussion.

 

Stiegler: Ja, meine Damen und Herren, es ist 20 nach 3, ich würde trotzdem vorschlagen, Herbert Meier, wenn wir bei dieser Pressekonferenz bleiben können, wir sollten dabei bleiben, es wird sich sicher auch noch Bundesinnenminister Genscher zur Information zur Verfügung stellen. Nein, Herrn Dr. Schreiber wollen wir jetzt nicht in ein Interview verwickeln, wir wollen jetzt wieder direkt mit dabei sein und auf unser Mikrofon hier vorne hinüberschalten.

 

[Die französische Übersetzung läuft]

 

Meier: Natürlich, meine Damen und Herren, bleiben wir bei dieser Pressekonferenz. Michael Stiegler, wir bleiben live dabei.

 

Merk: Wir be... Moment.

 

[Es folgt die Frage eines Journalisten, Stimmengewirr im Hintergrund]

 

Stiegler: Meine Damen und Herren, es kommt jetzt wieder die Frage bei den Journalisten, wieviele Geiseln getötet wurden und wieviele es im Dorf waren.

 

Merk: Im Olympischen Dorf zwei, in Fürstenfeldbruck waren es neun Geiseln, wobei wir auch die Möglichkeit ins Auge fassen müssen, dass alle neun Geiseln ums Leben gekommen sind. Es besteht eine vage, geringe Hoffnung ,dass eine, maximal zwei sich noch in die Dunkelheit absetzen konnten. Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir bedauern zutiefst, dass unserem Einsatz kein besserer Erfolg beschieden war. Wir hatten den Einsatz nach bestem Wissen und Gewissen, auch zwischen allen Beteiligten, zwischen Bund, Land und Stadt, abgesprochen und koordiniert, und letztlich auch gemeinsam festgelegt. Wir sprechen unser Bedauern aus den betroffenen Regierungen, auch dem IOC, und unsere herzliche Anteilnahme den Angehörigen der bei dieser Aktion ums Leben gekommenen.

 

[Die englische Übersetzung beginnt]

 

Stiegler: Meine Damen und Herren, während dort drüben die Übersetzung läuft, noch schnell eine Frage an Sie, Herr Polizeipräsident Dr. Schreiber: Wer hatte in diesem Fall eigentlich die Einsatzleitung, wer gab die Befehle zum Schießen?

 

Schreiber: Die Einsatzleitung hatte ich, unter der Oberleitung des mir unmittelbar vorgesetzten Landesinnenministers unter Beratung des Bundesinnenministers.

 

Stiegler: Sie sind sich wahrscheinlich auch darüber im Klaren, dass die Kritik natürlich wieder kommen wird, dass die Münchner Polizei versagt hat, Herr Dr. Schreiber?

 

Schreiber: Das ist in unserem Beruf so üblich, und wenn das nicht zum Erfolg führt, muss man Kritik einstecken und man muss sich verteidigen.

 

Stiegler: Wir gehen weiter auf die direkte Konferenz, im Augenblick also jetzt die Übersetzung im Französischen.

 

[Die französische Übersetzung beginnt]

 

Meine Damen und Herren, vielleicht werden auch Sie sich die Frage stellen, wieso es eigentlich nicht möglich ist, im Augenblick genau zu sagen, wieviele Tote es gegeben hat, aber vielleicht wird Bundesinnenminister Genscher jetzt darauf Antwort geben.

 

Genscher: Meine Damen und Herren, für die Bundesregierung, die dieses schreckliche Ereignis mit großer Erschütterung und Erbitterung zur Kenntnis genommen hat, darf ich mich dem Bedauern der bayerischen Staatsregierung anschließen. Ich darf hinzufügen: Die Bundesregierung, die, wie Sie wissen, selbst eine unmittelbare rechtliche und polizeiliche Verantwortung wegen der Polizeihoheit der Länder nicht trägt, in jeder Phase in die Erwägungen der hiesigen Organe eingeschaltet war, und dass ich für die Bundesregierung die Beurteilung der Gefahrenlage für die Geiseln und die sich daraus ergebenden Konsequenzen so beurteilt habe wie der Innenminister des Freistaats Bayern. Wir haben in den frühen Morgenstunden den ersten, hier schon erwähnten Versuch unternommen, die Geiseln in der Weise zu befreien, dass wir deutsche Geiseln angeboten haben, ich habe mich dafür zur Verfügung gestellt. Für den Fall, dass eine Geisel nicht gereicht hätte, waren auch der frühere Oberbürgermeister, Herr Dr. Vogel, der Innenminister Dr. Merk und der Polizeipräsident von München, Herr Dr. Schreiber, bereit, sich zusätzlich zur Verfügung zu stellen. Das ist am Morgen abgelehnt worden. Um die Ernsthaftigkeit dieser Haltung noch einmal zu unterstreichen, haben wir am Nachmittag zunächst darum gebeten, am Fenster mit Geiseln sprechen zu können, und ich habe dann im weiteren Verlauf dieser Verhandlungen auch selbst das Haus betreten und mit allen Geiseln in einem Raum sprechen können. Dabei hat sich gezeigt, dass die Geiseln zusammen in einem Raum, also neun Personen, untergebracht waren, in diesem Raum befand sich auch der eine erschossene und schon tote Israeli. Alle neun lebenden Geiseln waren an Händen und Füßen gefesselt. In dem Raum befanden sich, ehe ich ihn betrat, zwei mit einer Maschinenpistole bewaffnete Araber, zu denen sich dann noch andere hinzugesellten. Das zeigte aber, dass bei dem Versuch einer gewaltsamen Befreiung das Risiko, dass diese neun Geiseln, die sich nicht bewegen und wehren konnten, erschossen worden wären, praktisch einhundertprozentig war. Wir mussten auch... Bitte? Entschuldigung.

 

[Die englische Übersetzung beginnt]

 

Stiegler: Bei unserer Live-Sendung, meine Damen und Herren, hat sich jetzt freundlicherweise Innenminister Dr. Merk zur Verfügung gestellt, während der Dolmetscher übersetzt, ein paar Fragen zu beantworten. Herr Dr. Merk, es besteht Unklarheit darüber, wieso jetzt die Rede davon ist, dass vielleicht noch zwei Geiseln leben könnten, wenn man doch weiß, dass es neun waren, wenn man jetzt, entschuldigen Sie diese harten Worte, die Leichen gezählt hat, müsste man doch wissen, leben noch welche oder nicht mehr?

 

Merk: Dazu muss bedacht werden, dass durch eine Handgranate eines der Araber der Hubschrauber in Brand gesetzt wurde, Löschungsversuche durch gezielte Schüsse auf die Löschfahrzeuge unterbunden wurden, und der Hubschrauber total ausbrannte. Damit sind die in diesem Hubschrauber noch befindlichen Personen ebenfalls verbrannt, und es ist bis zu dem Zeitpunkt, bis zu dem wir in Fürstenfeldbruck weggeflogen sind, noch nicht mit letzter Sicherheit geklärt gewesen, wieviel Leichen das waren, die Identifizierung hatte noch gewisse Schwierigkeiten bereitet. Möglicherweise ist im Moment die Frage bereits geklärt, aber ich kann nur von dem Sachstand berichten, wie er sich bei unserem Abflug in Fürstenfeldbruck dargestellt hat. Ich kann also weder mit Sicherheit behaupten, es sind alle neun Geiseln ums Leben gekommen, obwohl eine große Wahrscheinlichkeit dafür spricht. Es glaubten einige Personen, nicht nur eine, sondern einige Personen, jemanden gesehen zu haben, der nach rückwärts vom Hubschrauber weg sich in die Dunkelheit hinein geflüchtet hat. Es kann also nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden, dass sich vielleicht doch eine oder maximal zwei Geiseln absetzen konnten. Ich habe dafür keinerlei Garantie, die Wahrscheinlichkeit, dass das nicht möglich war, ist größer.

 

Stiegler: Herr Dr. Merk, die Frage auch an Sie als Innenminister und Mitverantwortlichen für die Polizeiaktion: Es wird sicher die Kritik laut werden, war die Aktion richtig geleitet, hätte man es anders machen können, wie würden Sie heute, in dieser frühen Morgenstunde, darauf reagieren?

 

Merk: Erstens ist natürlich ein Urteil nach rückwärts leichter zu fällen als im vorhinein. Zweitens war das Gesetz des Handelns nicht nur auf unserer Seite, sondern das Gesetz des Handelns wurde uns teilweise vorgeschrieben. Wir haben durch die wiederholte Verlängerung der Ultimaten von 9 Uhr auf 11 Uhr, auf 13 Uhr, auf 15 Uhr, 17 Uhr, 19 Uhr, 21 Uhr haben wir auch immer wieder neue Situationen durchdenken müssen, und wir sind natürlich auch vor Konsequenzen zum letzten Zeitpunkt gestellt worden, auf die sich voll einzustellen schon terminlich gar nicht mehr möglich gewesen ist, und das eine oder andere musste wohl auch mit einer Vorbereitung geschehen und durchgeführt werden, die man sich für ein solches Vorgehen noch umfassender hätte wünschen müssen. Aber in Anbetracht all der Dinge, wie sie sich für uns im Zeitpunkt der Entscheidung und des Handelns dargestellt haben, war uns gar keine andere Möglichkeit gegeben. Es spielen dann noch Kleinigkeiten im Zeitpunkt des unmittelbaren Einsatzes eine Rolle, wo man sagen müsste, ein bisschen mehr Glück hätte uns vielleicht zu einem Erfolg verhelfen können.

 

Stiegler: Meine Damen und Herren, Sie entschuldigen bitte noch einmal, dass wir relativ leise hier sprechen müssen, denn wir sitzen einen Meter entfernt von der Dolmetscherin, die sich konzentrieren muss auf die Übersetzung, und wir sind trotzdem dankbar, dass wir nebenbei diese Zeit überbrücken können. Wir blenden uns jetzt wieder ein in die direkte Rede, und werden Sie dann noch um eine Frage bitten, Herr Dr. Merk, aber erst wieder an unser Mikrofon bei Innenminister Genscher.

 

[Die französische Übersetzung läuft]

 

Genscher: Die Terroristen haben keinen Zweifel daran gelassen, dass sie bei Nichteinhaltung der jeweils gesetzten Fristen, wenn es nicht zu einer Verständigung über die Verlängerung kommt, zur Unterstreichung der Ernsthaftigkeit ihrer Drohung sofort zwei der Geiseln erschießen wollten. Auf unsere Ankündigung, dass das dann zu einer Auseinandersetzung mit den Waffen führen würde, haben sie gesagt, sie seien Soldaten, sie hätten einen Verlust ihres Lebens nicht zu fürchten. Wir müssten dann allerdings wissen, dass die restlichen in ihrer Hand befindlichen Gefangenen auf jeden Fall getötet würden, und zwar bevor deutsche Polizei im Hause diesen Raum, in dem sie sich befanden, erreichen könnte. Wir haben seit heute vormittag in einem ständigen Kontakt mit der israelischen Regierung gestanden, wir haben mit einer Bundeswehr-Maschine den israelischen Botschafter nach München geflogen, wir haben bei der Einschätzung der Gefahrenlage auch mitberücksichtigen müssen, dass Verhandlungen über eine Herausgabe der geforderten über 200 gefangenen Araber von der israelischen Seite nicht in Frage kamen. Der Ausflug der Geiseln aus der Bundesrepublik Deutschland hätte bei dieser Sachlage ihren sicheren Tod bedeutet. Unsere Erklärung, das von den Entführern zunächst angegebene Ziel Kairo sei für sie möglicherweise nicht einhaltbar, weil nicht sicher sei, dass die ägyptische Regierung ihnen eine Landeerlaubnis erteilen würde, haben sie damit beantwortet, sie würden während des Fluges mit allen arabischen Regierungen Kontakte aufnehmen, in jedem Fall in einem arabischen Land eine Landeerlaubnis erhalten.

 

[Die englische Übersetzung beginnt]

 

Stiegler: Meine Frage an Sie, Herr Dr. Merk: Warum hat man der internationalen Presse eigentlich erst so spät, zu dieser frühen Morgenstunde, um drei, den wahren Sachverhalt mitgeteilt? War es wirklich vorher nicht zu sehen, oder was war der Grund? Man hatte da und dort immer noch optimistische Meldungen, man sagte, die Geiseln wären alle gerettet, man hat das mit Beifall hier aufgenommen im Pressezentrum. Hätte man früher informieren können?

 

Merk: Eine frühere Information war effektiv unmöglich. Für uns war die tatsächliche Lage auch nicht früher klar erkennbar, weil wir ja nicht zwischen den Geiseln sitzen konnten, sondern in Distanz dazu operieren mussten. Wir haben überhaupt keine Nachrichten herausgegeben, das hat natürlich dazu geführt, dass Gerüchte wucherten. Wir wollten aber auf der anderen Seite bewusst auch keine Teilnachrichten herausgeben, weil das unter Umständen über Berichterstattung, die hatten ja auch Funk und konnten mithören, weil das unter Umständen zu einer Gefährdung eines möglichen Erfolges hätte führen können.

 

Stiegler: Herr Dr. Merk, Sie selbst sprachen vorhin an, dass man natürlich Vorbereitungen hat treffen müssen, aber es war doch bekannt und sogar geplant, dass nicht Riem, sondern Fürstenfeldbruck angeflogen werden sollte. Hatte man nicht genügend Zeit, dort alles vorzubereiten, was man polizeilich hätte tun müssen?

 

Merk: Um einen kompletten Einsatz sicherzustellen, hätten wir mit der Bewegung von Einheiten, Fahrzeugen, mit der Aufstellung von entsprechenden Einrichtungen mindestens einen halben Tag gebraucht. Die Frage eines Abtransportes, der ja erst die Möglichkeit geschaffen hat, die Geiseln aus dem Sicherungsbereich, aus dem uneingeschränkten Verwahrungsbereich herauszubringen, diese Chance hat sich erst in den Abendstunden als möglich ergeben. Bis dahin mussten wir immer davon ausgehen, dass wir versuchen müssen, im Olympischen Dorfbereich um jeden Preis und als einzige Möglichkeit eine Befreiungsaktion vorzunehmen.

 

Stiegler: Bitte wieder auf unser Mikrofon, direkt vorne an der Bühne.

 

[Die französische Übersetzung läuft]

 

Genscher: Nachdem uns Herr Brundage, zusätzlich zu den genannten Erwägungen, sehr dringlich die Auffassung des IOC übermittelt hatte, dass das IOC nicht das geringste Verständnis dafür haben würde, wenn wir die Geiseln aus der Bundesrepublik Deutschland verbringen ließen, haben wir vor Ablauf des letzten Ultimatums noch zwei Male mit großem Nachdruck die Freigabe der Geiseln und einen Austausch der Geiseln gegen mich oder weitere deutsche Geiseln verlangt. Das haben sie noch einmal abgelehnt, auch nachdem wir das vier an das Fenster geführten Geiseln erklärt hatten. Ich möchte Ihnen dazu sagen, dass bei Beurteilung der Gefahrenlage für die Geiseln ich der Meinung bin, dass die hier zuständigen bayerischen Behörden vor ihrer Entscheidung die Gefahrenlage für die Geiseln richtig eingeschätzt haben. Beim Ablauf des Ultimatums wäre absolut und überhaupt keine Chance in der Wohnung gewesen, nach der Art der Unterbringung und auch nach der Art der Bewaffnung der Terroristen.

 

[Die englische Übersetzung beginnt] 

 

Stiegler: Was Bundesinnenminister Genscher eben sagte, Herr Dr. Merk, kann man natürlich entgegnen, dass ja immer wieder ein Aufschub erreicht worden ist. Hätte man nicht vielleicht auch nochmal einen Aufschub erreichen können? Wer hatte denn die Garantie, dass das eigentlich das letzte Ultimatum war?

 

Merk: Ja. Es bestand kein Zweifel mehr, dass wir den ganzen uns möglichen Verhandlungsspielraum bis zum Äußersten ausgeschöpft haben. Die Versuche, die wir noch unternommen haben, bis morgen früh ein Moratorium zu erreichen, diese Versuche wurden brüsk abgewiesen, und es wurde uns von den Fedayin erklärt: "Ihr wollt uns wohl hereinlegen? Wir haben euch jetzt schon so oft gesagt, jawohl, das akzeptieren wir noch, aber jetzt haben Sie uns Zusicherungen gegeben über Ihre Bemühungen. Wenn die zu keinem Erfolg führen, dann können wir nicht mehr damit rechnen, dass Sie Erfolg haben werden in den Verhandlungen, die zu unserem Ziel führen können, und dann müssen wir die Konsequenzen ziehen."

 

Stiegler: War eigentlich zum Schluss dieser Verhandlungen noch von diesen 200 freizulassenden Guerillas in Israel die Rede oder nicht mehr?

 

Merk: Nein, das war immer die einzige Forderung, die sie konstant erhoben haben, wobei sie auch erklärt haben, sie machen sich keine großen Hoffnungen, was die Einstellung der israelischen Regierung anbelangt, aber dann würden sie eben die Geiseln erschießen, um der Weltöffentlichkeit zu demonstrieren, wie die israelische Regierung verhandle und wie die zu Menschenleben stünde.

 

Stiegler: Herr Innenminister Dr. Merk, letzte Frage: Würden Sie persönlich Ihre Meinung jetzt dazu sagen, man sollte heute um 10 Uhr mit dieser Trauerfeier die Spiele in München beenden oder würden Sie sagen, man sollte weitermachen?

 

Merk: Das ist eine sehr schwierige Entscheidung, die letztlich das IOC treffen muss, das ist nicht in unserer Verantwortung. Es gibt zwei Gesichtspunkte: Auf der einen Seite den Ausdruck der Trauer und des Abscheus vor solcher Gewalttat, die Spiele nicht mehr möglich mache. Auf der anderen Seite das Bedenken, dass damit auch eine gewisse Kapitulation vor der Gewalt verbunden wäre und es letztlich jedem möglich sei, durch Gewaltanwendung die andern zu Verhalten zu zwingen, die sie selber wollen. Ich würde meinen, dass das IOC hier eine sehr schwere Entscheidung zu treffen hat.

 

Stiegler: Herzlichen Dank, und damit wieder nach vorne an unser Mikrofon.

 

[Die englische Übersetzung läuft]

 

Herr Innenminister Genscher, ganz kurz, glauben Sie persönlich, dass man die Spiele abblasen sollte?

 

Genscher: Ich habe das nicht festzustellen, bitte lassen Sie mich jetzt in der Pressekonferenz.

 

Stiegler: Wir werden uns jetzt, meine Damen und Herren, noch ganz kurz in dieser Live-Sendung versuchen, mit Willi Daume zu unterhalten, hören wir aber jetzt einmal zu, was die internationale Presse für Fragen zu stellen hat.

 

[Stimmengewirr in verschiedenen Sprachen im Hintergrund]

 

Meine Damen und Herren, ganz kurz an Sie die Frage, Herr Präsident Daume: Glauben Sie, dass die Spiele weitergehen werden? Wie werden Sie dem IOC Ihre Entscheidung vortragen?

 

Daume: Das IOC hat heute abend in der Annahme glücklicherer Umstände beschlossen, die Spiele morgen weiterzuführen. Jetzt ist eine neue Situation, und zu der kann ich mich ohne Rücksprache mit meinen Kollegen im IOC nicht äußern.

 

Merk: Um Ihnen die Gesamtsituation deutlich zu machen: Die Einsatzleitung lag bei dem von mir für den koordinierten Einsatz im olympischen Bereich und außerhalb des olympischen Bereiches bestellten Polizeipräsidenten von München, Dr. Manfred Schreiber, der unter meiner unmittelbaren Weisung gestanden hat. Wir haben uns mit dem Bund beraten, weil eine Reihe von Fragen ja auch zu entscheiden waren im diplomatischen Bereich, die in die Kompetenz des Bundes unbestreitbar gehören, und der Bundesinnenminister hat Ihnen ja erklärt, dass wir den gesamten Einsatz unter Abwägung aller Risiken ständig beraten und dann auch so für richtig befunden haben. Dieser Meinung auch in der politischen Willensbildung entsprechend wurden die Einsatzbefehle an die Polizeiführer gegeben.

 

[Es folgt die Frage eines Journalisten, Stimmengewirr im Hintergrund]

 

Die hat der dort verantwortliche Polizeiführer gegeben entsprechend dem taktischen Einsatzplan.

 

[Die englische Übersetzung beginnt]

 

Stiegler: Meine Damen und Herren, ich glaube, dass wir bei unseren Zwischeninterviews bereits die Fragen, die jetzt kommen werden, sicher vorweggenommen haben, dass wir jetzt die Entscheidung der Zentrale überlassen können. Ich glaube, man kann eines sagen, dass die rund 600 Journalisten, die jetzt hier in der frühen Morgenstunde beisammen sind im Pressezentrum, genauso deprimiert sind über den endgültigen Stand der Entwicklung wie alle Beteiligten, die hier wirklich mit gesenkten Köpfen zu dieser Pressekonferenz gegangen sind, die sicher lange darum gerungen haben, wer eigentlich jetzt hier Rede und Antwort stehen soll. Sie haben sich, glücklicherweise, muss man sagen, alle zur Verfügung gestellt, und mir bleibt nur zu sagen, dass man oft sagt als Journalist, glücklich, da waren wir dabei. In dem Fall müssen wir wohl sagen, an diesem 6. September 1972, wir mussten dabei sein. Wir mussten Ihnen sagen, dass diese Aktion, fast 24 Stunden nach ihrem Anfang, ein furchtbar tragisches Ende genommen hat, und es wird nun wohl in den frühen Morgenstunden das IOC, und wir respektieren die Ansicht von Willi Daume, der da meinte, er möchte sich jetzt nicht in dieser frühen Morgenstunde allein dazu äußern, das IOC wird zu beschließen haben, ob die Spiele nun unter diesen Voraussetzungen, wahrscheinlich, ich sage es nochmal mit Vorbehalt, wahrscheinlich neun getötete Geiseln plus die zwei heute früh schon getöteten Israelis, also elf, und vier Guerillas und ein Polizist, ob die Spiele unter diesen Umständen weitergeführt werden können. Schlagartig sind also diese heiteren Spiele zu Ende gegangen, und Gewaltherrschaft hat dem fröhlichen Treiben hier in München ein abruptes Ende bereitet. Wenn von der Zentrale aus keine besonderen Wünsche mehr bestehen, würde ich vorschlagen, dass wir uns damit aus dem Pressezentrum verabschieden und zurückschalten in die Zentrale.