Die Nacht von München

 

Die Spiele müssen weitergehen

 

Erinnerungen von Fritz Rubin

 

 

Jedes Mal, wenn irgendwo in der Welt eine Flugzeugentführung oder eine Massengeiselnahme geschieht, holt mich meine Vergangenheit ein. Es ist ein Ereignis, das nunmehr über 34 Jahre zurückliegt, das aber Teil meines Lebens geworden ist.

 

Gut dreißig Stunden fehlen in meinem Gedächtnis, ich habe keine Erinnerung an diese verschwundene Zeit, weil alles so unwirklich, so unfassbar, so furchtbar schrecklich war.

 

Der Morgen des 5. September 1972, ein Tag, der unauslöschlich eingegraben ist in meinem Gedächtnis, er begleitet mich seither, bewusst und unbewusst, mit jedem neuen Terroranschlag werde ich daran erinnert.

 

Ich blättere zurück in der Chronologie meiner Teilnahme am Ordnungsdienst der Olympischen Spiele 1972.

 

Nur schwach erinnere ich mich an die Entstehungsgeschichte, an die Bewerbung, an die Auswahlkriterien und schließlich an die Abstimmung am 26. April 1966 auf einer IOC-Sitzung in Rom. Mitbewerber waren die Städte Detroit, Madrid, Montreal und München. Von den 61 stimmberechtigten IOC-Mitgliedern stimmten im zweiten Wahlgang dann 31 für München, für Montreal 30, die Entscheidung für die bayerische Landeshauptstadt war damit gefallen, nur mit einer Stimme mehr.

 

Die Vorbereitungen für die XX. Olympischen Sommerspiele konnten nun beginnen. Gut sechs Jahre Zeit stand den Verantwortlichen des NOK der Bundesrepublik Deutschland zur Verfügung.

 

In den folgenden Jahren beschäftigte mich dieses Thema nur am Rande, hin und wieder hörte, las oder sah ich in den Medien die Berichte über die Bauarbeiten an den olympischen Stätten. Familie und Beruf hatten Vorrang, so dass Olympia 19782 in weiter gedanklicher Ferne lag.

 

Im Januar 1971 erreichte mich dann ein Fernschreiben des Niedersächsischen Innenministeriums mit einer allgemeinen Aufforderung, sich für einen Einsatz als Ordnungsdienstkraft bei den Olympischen Spielen zu bewerben.

 

Zunächst hatte ich keinen Gedanken daran, mich dazu zu bewerben. Aber je öfter ich mich mit dieser Thematik befasste, desto mehr reizte mich die Vorstellung, einmal in meinem Leben an einem solch sportlichen Weltereignis teilzunehmen zu können. Sicher, es waren ja etliche Hürden eingebaut, aber warum sollte ich es denn nicht versuchen.

 

Meinen Entschluss, mich zu bewerben, habe ich wegen der kurzen Bewerbungsfrist dann doch zügig umgesetzt.

 

Am 21. Januar 1971 gab ich also meine Bewerbung ab. Ein zweites Mal, an Olympischen Spielen, teilzunehmen, gab es für mich sicherlich nicht.

 

Was hatte ich eigentlich an besonderen Fähigkeiten für diese Aufgabe eigentlich anzubieten?

 

Gut, ich war damals Stammtorwart einer Goslarer Handballmannschaft, die in der Bezirksliga spielte, war während meiner aktiven Zeit beim PSV Braunschweig auch einmal in den Kader der Niedersächsischen Juniorenauswahl berufen worden. Mein Schulenglisch hatte ich durch eine Dolmetschertätigkeit auf dem Polizeirevier Wolfenbüttel bei Einsätzen bei der dort stationierten britischen Einheit auch verbessern können. Ob das alles aber ausreichten würde, war fraglich.

 

Nun hieß es, auf den weiteren Verlauf der bevorstehenden Auswahlverfahren zu warten. Ich hatte mir keine allzu großen Illusionen gemacht, Einfluss auf das weitere Geschehen hatte ich ja eh nicht.

 

Gute acht Monate dauerte es, bis dann am 12. Oktober 1971 die für mich bedeutungsvolle Nachricht der Zusage eintraf. Es war ein Moment mit einem unendlichen Glücksgefühl, der großen Freude und des Stolzes, Teil dieser großen olympischen Völkergemeinschaft zu sein. Und nicht zuletzt empfand ich diese Berufung auch als eine besondere Auszeichnung. Mein Abenteuer "Olympia 1972" konnte beginnen. Dass es einmal tragisch und unfassbar werden sollte, das ahnte und hoffte seinerzeit niemand.

 

Olympia 1936 lag noch nicht allzu weit zurück, die Erinnerung an diese Zeit ist dramatisch und genau so wenig zu verstehen wie das, was auf die Welt zukommen sollte. Der Schatten eines mörderischen Regimes lastete unsichtbar über allen Gesprächen und Handlungen. Doch die Zusage, die Spiele 1972 nach München zu vergeben, gab uns Deutschen die Möglichkeit, der Welt zu zeigen, dass das Deutschland der 70er Jahre ein anderes war als es vielerorts propagandistisch vorgestellt wurde. Es war die Chance schlechthin, einmalig und unwiederbringlich.

 

Diese Motivation beflügelte nicht nur mich, sondern alle, die am Ereignis "Olympia" beteiligt waren. Wir wollten der Welt das Motto von den "heiteren" Spielen nachhaltig beweisen.

 

Zehn Tage lang herrschte diese unvergleichlich fröhliche und freudige Stimmung, das bleibt ebenso unvergessen wie das, was dann am 11. Tag geschah.

 

Nachdem nun feststand, dass ich einer der Auserwählten war, begannen die Vorbereitungen und Planspiele für unseren Einsatz als Ordnungsdienstkräfte an den einzelnen Olympiastätten.

 

Die erste Unterweisung folgte im Januar 1972 in Gifhorn in der ehemaligen BGS-Kaserne, wo ich dann auf einige mir persönlich bekannte Kollegen traf. Wir alle waren doch irgendwie berührt, diese Spiele begleiten zu dürfen.

 

Ich hatte auf dem Fragebogen des NOK nach meinem Einsatzort das Olympiagelände in München angegeben. Meine Sportbegeisterung hatte zu dieser spontanen Entscheidung geführt, konnte ich doch vor Ort die meisten der Olympiateilnehmer erleben. Und da ich sowieso gerne auf Menschen zugehe, versprach ich mir, an diesen Einsatzort eine Reihe von Autogrammen sammeln zu können.

 

Nach gut acht Wochen erhielt ich die Nachricht vom NOK, dass ich als Bereichsleiter Ordnungsdienst im Streifendienst des Olympischen Dorfes zum Einsatz kommen würde. Damit hatte sich auch dieser Wunsch erfüllt.

 

Im Mai 1972 folgte dann ein einwöchiges Seminar für Führungskräfte in einem Schloss in Haimhausen bei München. Die weltpolitische Lage war zu dieser Zeit entspannt, es deutete also nichts auf ein ungewöhnliches Ereignis hin, so dass wir unsere Planspiele der möglichen Störungen in aller Ruhe durchführen konnten.

 

Ich möchte nur ein Beispiel einer möglichen, gedachten Störaktionen anführen:

 

"Vor dem Südeingang der Boxhalle haben sich ca. 2000 Personen mit Trampgepäck versammelt. Die Absicht der Versammlung ist nicht erkennbar.

Ca. 60 Personen umlagern die Sperren, die sie zu übersteigen. Sie gelangen in den Hallenvorraum und verteilen sich links und rechts der Einlasskontrolle.

Den Kontrolleuren gegenüber behaupten sie, die Eintrittskarten würden vom Reiseleiter mitgebracht.

Auf der Ebene des Haupteinganges entsteht eine lebhafte Debatte zwischen ca. 20 Personen, die Kameras und Fotoapparate tragen. Andere setzen sich während dieser Auseinandersetzung auf noch unbesetzte Presseplätze."

 

Dies ist nur eine von vielen angedachten Störaktionen, die wir in Gruppenarbeit durchdiskutierten. Mit welcher Leichtigkeit und Kaltschnäuzigkeit dann Terroristen den olympischen Frieden zerstörten, daran hatte niemand gedacht. Themenschwerpunkt war selbstverständlich der Aufgabenbereich des Ordnungsdienstes, alle Detailbereiche aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen.

 

Da ich während meines achtwöchigen Einsatzes vom sogenannten Strafverfolgungszwang entbunden war und lediglich das Hausrecht des Veranstalters wahrzunehmen hatte, war ich auch während der gesamten Zeit meines Ordnungsdiensteinsatzes unbewaffnet. Wie bedeutsam und lebenswichtig diese Maßnahme für mich war, sollte sich später erweisen.

 

Mitte Juli 1972 fuhr ich dann nach München, wo ich in der Bayern-Kaserne Unterkunft fanden. Grund dieser vorgezogenen Anreise war die Tatsache, dass zu diesem Zeitpunkt die Deutschen Meisterschaften in der Leichtathletik und dem Schwimmen stattfanden.Für uns begann damit die Eingewöhnungsphase für die kommenden Aufgaben anlässlich der Olympischen Spiele, sicher eine weitaus kompliziertere Aufgabe. Aber ich konnte schon ein wenig die heitere Stimmung spüren, die von Tag zu Tag stärker wurde. Zudem reisten auch die ersten Sportler/innen an, olympisches Flair, das mich immer mehr gefangen nahm.

 

Noch unbeeinflusst vom olympischen Trubel holte ich mir meine ersten Autogramme, die immer von einem kurzen Gespräch mit der Sportlerin, mit dem Sportler begleitet waren. Einige dieser Unterhaltungen sind auch nach diesen langen Jahren haften geblieben, aber dazu an anderer Stelle ausführlicher mehr.

 

Wie heiter und gelöst die Atmosphäre schon im Vorfeld der Spiele war, verdeutlicht folgende Begebenheit:

 

Wenige Tage vor der Eröffnungsfeier folgte dann eine besondere Herausforderung für uns, galt es doch ein Freundschaftsspiel zwischen München 1860 und Bayern München ordnungsdienstmäßig zu begleiten. Es sollte ein denkwürdiger Test werden.

 

Die Hütte, wie es so schön heißt, war ausverkauft, ich glaube es waren 80 000 Menschen, die das Stadion füllten. Schon zwei Stunden vor Beginn strömten die ersten Zuschauer in diese neue imposante Arena. Ich war mit meinem Team für einem Aufgang auf der Gegentribüne eingeteilt.

 

Irgendwann bildete sich ein Pulk mehrerer Zuschauer, die einen geordneten Zugang zu den Sitzreihen verhinderten. Im schönsten Hochdeutsch –mit niedersächsischem Akzent – sprach ich also diese Gruppe an mit der Bitte, doch den Platz frei zu halten. Man hatte wohl die Bitte gehört, aber nicht verstanden oder verstehen wollen, denn mir scholl aus dem Mund eines Zuschauers folgendes entgegen:

 

"Von einm Preißen loss i mir nix sogen!"

 

Da stand ich nun, fassungslos, hatte ich mich doch um eine besonders freundliche Ansprache bemüht, aber ich war ja in München, das hatte ich nicht bedacht. Die bayerische Mundart meines Vertreters löste dann diese Situation auf.

 

Ich weiß nicht, wie oft ich diese Situation im Freundes- und Bekanntenkreis erzählt habe, aber die Erinnerung daran ist immer wieder schön, entlockt sie meinen Gästen doch ein Lachen oder zumindest ein Schmunzeln.

 

Die vor mir liegende Zeit nutzte ich dann ausgiebig zum Besuch der auf dem Olympiagelände gelegenen Sportstätten und Unterkünfte der Sportler und Funktionäre. Das Wetter war, wie sollte es auch anders in München sein, sommerlich warm, ein weiß-blauer Himmel tauchte das Gelände jeden Tag in helles Licht, fröhlich-bunte Fahnen wehten im Sommerwind, die Stimmung war locker und heiter.

 

Damals, 33-jährig, bei 182 cm Körperlänge, hatte ich schlanke 80 kg zu bieten, sportlich also ansehnlich. Mit orangefarbenen T-Shirt, weißer Shorts und Sportschuhen bekleidet zog es mich jeden Tag ins Olympiagelände, ein farbig unübersehbarer Matchbeutel ließ also für die an den Ausgängen wartenden Autogrammjäger den nahenden Olympiasportler erahnen.

 

Zum Schutz gegen das gleißende Sonnenlicht hatte ich mein Gesicht mit einer Sonnenbrille geschützt. So ausstaffiert näherte ich mich den verschiedenen Ausgängen, während mir der Satz. "Da kommt wieder einer für ein Autogramm"! entgegenschallte. Ich habe die Autogrammjäger nicht enttäuscht und fleißig meinen Namen in die Heft oder auf die Zettel geschrieben, meistens fügte ich noch hinzu: "Shot put". Es war eine angenehme Tätigkeit, an die ich mich gerne erinnere. Wie viele Autogramme ich damals gegeben habe, weiß ich nicht, sicher wird das ein oder andere noch existieren.

 

Diese beiden Beispiele aus dieser Zeit zeigen, wie der Slogan. "Heitere Spiele" auch im Umfeld umgesetzt wurde.

 

Der Tag der Eröffnungszeremonie rückt immer näher, das Olympische Dorf füllte sich von Tag zu Tag immer mehr mit den Aktiven und Betreuern, es herrschte ein buntes Sprachenwirrwar, exotisch gekleidete Teilnehmer versetzten mich in eine Märchenwelt aus "Tausend und einer Nacht". Was für eine Stimmung, was für ein Flair lag über München, die Welt war zu Gast und freute sich auf dieses sportliche Großereignis.

 

Die Eröffnungsfeierlichkeiten waren auf den 26. August 1972 festgesetzt worden. Nachdem die bereits erwähnten Deutschen Meisterschaften ohne irgendwelche Zwischenfälle oder Störungen absolviert waren, rückte die Eröffnungsfeier immer mehr in den Vordergrund. Sämtliche Ordnungsdienstkräfte waren aufgeboten, um einen reibungslosen Ablauf dieser Veranstaltung zu gewährleisten.

 

Welche Spannung, welche Vorfreude, welches Glücksgefühl hatte alle Beteiligten erfasst. Dieser Stimmung konnte sich niemand entziehen, sie war einmalig, faszinierend, berauschend, sensationell. Den gesamten Ablauf zu schildern, verkneife ich mir, das muss man erlebt haben.

 

Alle, die daran teilgenommen haben, gaben sich dieser Magie, diesem Zauber der Feier hin, es war ein Rausch der Melodien, ein Rausch der Farben. Euphorie ist, gelinde gesagt, ein nur schwacher Ausdruck für das, was da unten auf dem Stadionrund ablief.

 

Diese Eröffnungsfeier klingt in mir immer noch nach, so, als wäre sie erst gestern gewesen, ein gelebter und erlebter Traum. Als dann der damalige Bundespräsident Dr. Gustav Heinemann die Spiele eröffnet hatte, kannte der Jubel keine Grenzen. Fröhlichkeit, Ausgelassenheit, Freude, Jubel beherrschten die Szenerie. Die Wettkämpfe konnten beginnen, friedlich, völkerverbindend, auch wenn zwei deutsche Olympiamannschaften am Start waren.

 

Vor und nach meinem Dienst nutzte ich die Freizeit, durch das Dorf zu schlendern, um Autogramme zu sammeln, oder ich saß als Zuschauer im Stadion und verfolgte die Wettkämpfe.

 

Wenn ich mich dann zu den Trainingsstätten begab, dann schaute ich dem intensiven Training der Sportler/Innen zu. So fragte ich bei den deutschen Zehnkämpfern nach, ob ich nicht mal an einer Trainingseinheit teilnehmen könnte. Ich hatte keine Ablehnung erwartet, und so durfte ich mal reinschnuppern in das Programm, aber schon nach zehn Minuten war ich kochgar, während mein Pendant noch nicht einmal so richtig auf Touren war. Es blieb aber auch das einzige Mal, dass ich einen solchen untauglichen Versuch unternahm.

 

So eilten die Tage dahin, ich sah überglückliche Athletinnen und Athleten, aber auch sehr traurige und maßlos enttäuschte, die ihr gestecktes Ziel nicht erreicht hatten. Favoritenstürze und sensationelle Newcomer sind nun einmal die sportlichen Farbtupfer olympischer Spiele, ja praktisch einer jeden Meisterschaft. Ob die Teilnahme wirklich wichtiger ist als ein Sieg oder eine Platzierung, mag dahin gestellt sein.

 

Ich konnte das Glück und die Enttäuschung hautnah miterleben, ach ja, es berührte mich schon sehr, eben Einzelschicksale, die genauso schwer wogen wie das Scheitern einer Mannschaft.

 

An die folgenden Tagen nutzte ich meine dienstfreie Zeit wie immer dazu, entweder Autogramme zu geben oder aber selbst welche zu sammeln. Mein Album füllte sich von Tag zu Tag mit weiteren Namenszügen, auch von Olympiateilnehmern der Spiele von 1960 in Rom. Mit jedem dieser Autogramme verband sich ein kurzes Gespräch, aber in der Fülle der vielen Begegnungen hat sich die Erinnerung verflüchtigt. Nun ist diese Album meine Erinnerungstruhe, wenn ich die Namen lese, aber mehr auch nicht. Manchmal habe ich das Gefühl, dass es mich doch sehr belastet, weil die absolut heitere Zeit dokumentiert ist. Ich habe auch schon daran gedacht, dieses Album mit rund 150 Autogrammen meistbietend zu versteigern, aber dann kann ich mich doch nicht davon trennen.

 

So nahte der 4. September 1972, meine zweite Tochter Kerstin hatte ihren neunten Geburtstag, unser Telefonat dauerte länger als erwartet, denn sie hatte mir ja so viel zu erzählen.

 

Ich hatte tagsüber dienstfrei, mein Dienst begann gegen 21.30 Uhr. Wieder saß ich den ganzen Tag im Stadion und verfolgte die Wettkämpfe. Die Sonne lachte wie seit Wochen vom bayerisch-blauen Himmel, bestes Wetter für die anstehenden Entscheidungen. Es sollte der Tag der Goldmedaillen für die Mannschaft der Bundesrepublik Deutschland werden.

 

An die einzelnen Zeitpunkte der Entscheidungen kann ich mich nicht mehr erinnern, zunächst hatte sich Klaus Wolfermann im Speerwerfen in einem packenden Zweikampf mit Janis Lusis aus der UdSSR mit 2cm Vorsprung durchgesetzt.

 

Dann folgte der 50 KM-Geher Bernd Kannenberg, der mit großem Vorsprung ins Ziel kam. Gänsehautstimmung, Zehntausende skandierten: "Kannenberg, Kannenberg, Kannenberg".

 

Es war unbeschreiblich, ein Jubelsturm nach dem anderen brauste auf, wir alle waren wie elektrisiert ob dieser Ereignisse.

 

Dass das noch nicht der Höhepunkt war, dafür sorgte die damals 16-jährige Hochspringerin Ulrike Meyfarth. Sie übersprang mit einer Lockerheit die aufgelegten Höhen, ließ vermeintliche Favoritinnen hinter sich. Es war mucksmäuschenstll, als sie zu ihrem letzten Sprung antrat. Im prall gefüllten Rund des Olympiastadions hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Konzentration vor dem Anlauf, federnde Schritte bis zum Absprung. Spannungsgeladene Ruhe, die Latte blieb liegen, Sekunden der absoluten Stille. Dann... ein Jubelorkan, der sicher in ganz München zu hören war. Minutenlang Jubelsturm, fremde Menschen umarmten sich, ein taumelndes Glück, das Stadion im Rausch der Gefühle.

 

Es war unvorstellbar, wir schwebten auf Wolke "Sieben" des Olympiahimmels.

 

Beim Beschreiben dieser Momente habe ich wieder diese Gänsehaut wie damals, unfassbar, was sich an diesem olympischen Tag im Stadion ereignete.

 

Diese Stimmung, diese Atmosphäre herrschte 34 Jahre später, als in Deutschland die Fußballweltmeisterschaft 2006 das gesamte Land in einen unwahrscheinlichen Rausch versetzt hatte, aber anders als damals, ganz anders. Das war 1972 die unglaubliche Leistung einer ganz jungen Sportlerin, und heute war es ein Team, begeistert durch einen charismatischen Trainer, Jürgen Klinsmann.

 

Dennoch sind das in meinem Leben, genau wie die Fußballweltmeisterschaft 1954 mit dem Gewinn der WM und dem legendären 3:2 gegen Ungarn, die nachhaltigsten sportlichen Höhepunkte, unvergessen und unauslöschlich eingebrannt in der Erinnerung.

 

Unser Dienstbeginn war wie immer bei uns im Nachtdienst ab 21. 30 Uhr. Unter dem Eindruck dieses Tages stehend besprachen wir noch einmal die einzelnen Streifen für diese Nacht. Aber was war das für eine Atmosphäre im Olympiadorf! Diese Fröhlichkeit, diese Freude, diese Heiterkeit äußerte sich in immer wieder in aufbrausenden Freudenschreien der deutschen Sportler/Innen, wilde Tänze und laute Musik umrahmten diese Nacht, eine Stimmung, wie ich sie nie wieder erlebt habe.

 

Allmählich kam das Dorf zur Ruhe, normales Nachtleben kehrte ein. Ich hatte mich in mein Dienstzimmer zurückgezogen und bereitete die Dienstpläne für die nächsten Schichten vor. Doch immer wieder schweiften meine Gedanken ab, ließen den 4. September 1972 Revue passieren, was war das für ein Tag!

 

What a difference a day makes....

 

Meine Hausaufgaben hatte ich erledigt, im Radio hörte ich wiederholt die Reportage der Hochsprungentscheidung. Viel zu aufgewühlt von den Ereignissen des vergangenen Abends versuchte ich vergeblich meine Gefühle und Gedanken in den Griff zu bekommen. Die Stunden vergingen nicht, immer die Bilder vor Augen, den Jubelschrei im Kopf.

 

Ich hatte meine Beine hoch gelegt und musste wohl ein wenig eingenickt sein, als mich die aufgeregte Stimme eines Kollegen aus allen Träumen riss: "Fritz, bei den Israealis im Dorf ist geschossen worden!"

 

Im Laufschritt rannten wir zur Conollystraße, dorthin, wo die israelische Olympiamannschaft ihr Quartier bezogen hatte. Außer Atem standen wir vor dem Gebäude, auf dem Balkon eine vermummte Person, die eine Maschinenpistole auf uns gerichtet hatte.

 

Ich kann mich nicht erinnern, ob diese Person uns mündlich aufgefordert hat, unsere Jacken zu öffnen und zu zeigen, dass wir unbewaffnet waren oder ob die bloße Drohung mit der Waffe dazu geführt hatte. Ich knöpfte wie im Trance meine Jacke auf, ich war unbewaffnet. Ich habe nicht nachgedacht, nur reagiert, wie eine Marionette. Mir fehlt einfach die Erinnerung an das, was da ablief.

 

Das hat uns, meinem Kollegen und mir wohl das Leben gerettet. Hilflos, ja nackt, so fühlte ich mich im diesem Moment, Angst, nein Angst hatte ich nicht, ich weiß wirklich nicht, ob ich Angst hatte. Das war so unwirklich, so abstrakt. Es war unbegreiflich, was ich da sah. War ich einem schrecklichen Film? Nein, harte Wirklichkeit, brutal, entsetzlich, Apokalypse im Olympiadorf.

 

Warum das?

 

An das, was danach geschah, habe ich keine Erinnerung mehr, eine Blockade, die dazu führte, dass ich nichts mehr wahrgenommen habe. Vielleicht war es auch eine Schutzreaktion meines Körpers, die mich erstarren ließ, ohne Emotionen, ohne Reaktionen, ohne Gefühle. Ich war wie paralysiert.

 

Über dreißig Stunden fehlen mir in der Erinnerung dieser Ereignisse. Wie ich zur Unterkunft gekommen bin, wann ich ins Bett gefallen bin, wann ich wieder am nächsten Morgen im Olympiadorf zum Dienst antrat, all das weiß ich nicht, es ist nicht da, nicht registriert.

 

Wie oft habe ich versucht, in den Jahren danach Licht in dieses Dunkel zu bringen, da war nichts zu machen, absolut nichts. Diese Erinnerungslücke bleibt, und sie beschäftigt mich immer wieder. Aber ich finde keine Möglichkeit, da hinein zu kommen.

 

Als ich dann am 6. September zum Dienst fuhr, wusste ich, was geschehen war. Fassungslos, hilflos, sprachlos, geschockt standen alle vor den Trümmern der heiteren Spiele.

 

Die Frage "Warum?" beherrschte die Welt. War dieses Attentat zu verhindern gewesen? War die Einschätzung der Sicherheitslage richtig gewesen?

 

Das Olympiastadion war an diesem Morgen zum Bersten gefüllt. Vor der Haupttribüne standen Stühle mit Blumegebinden für die ermordeten israelischen Sportler.

 

Unwirklich das Wetterszenario. Vom blauen Himmel brannte die Sonne auf uns, es war kein Laut zu hören. Ich meine, mich zu erinnern, das selbst das Vogelgezwitscher verstummt war. Es war so, als hätte jemand eine riesengroße Glasglocke über München gestülpt.

 

Atemlose Spannung bei der Trauerrede des Präsidenten des IOC, Avery Brundage. Die Frage, ob die Spiele weitergehen würden, bewegte alle im Stadion. Wie ist die Entscheidung des IOIC ausgefallen?

 

"The Games must go on!", dieser Satz klingt mir noch heute in den Ohren, als hätte ich ihn gerade gehört.

 

War diese Entscheidung richtig, oder hätte man die Spiele als beendet erklären sollen?

 

Die Entscheidung, sich dem Terror nicht zu beugen, war gefallen und endete in einem befreienden Aufschrei der Zuschauer. Aber um welchen Preis? War Terrormord Preis dieser Entscheidung?

 

Ich finde, sich nicht zu beugen, sich nicht Terror zu unterwerfen, war absolut richtig, auch wenn es schwer fällt, das alles zu begreifen.

 

Diese bis zum Morgen des 5. September 1972 so heiteren, so fröhlichen Spiele endeten in einem Blutbad unvorstellbaren Ausmaßes, es war der Beginn des modernen Terrorismus.

 

Mein Traum, unser Traum von der völkerverbindenden Idee olympischer Spiele zerplatzte im Kugelhagel von Maschinengewehren, Maschinenpistolen und Handgranaten.

 

Die restlichen Tage bis zur Schlussfeier erlebte ich wie im Trance, ich bin mir sicher, es ging allen Beteiligten so. Der Sommerhimmel über München strahlte wie immer, doch es war alles anders. Stille, absolute Stille, dort, wo sonst bis in die Nacht das Leben, die Fröhlichkeit, die Ausgelassenheit pulsierte – das Olympische Dorf lag im Koma – in den Gesichtern Fassungslosigkeit, Entsetzen, Hilflosigkeit, Trauer.

 

Warum habt ihr Terroristen uns diesen Traum zerstört? Warum nur? Warum habt ihr diese Inferno, dieses Massaker angerichtet? Habt ihr an die Kinder der Opfer gedacht?

 

Mein Autogrammbuch hatte ich mit dem 4. September 1972 geschlossen, kein Autogramm mehr danach. Ich hatte nicht die Kraft, noch neue zu sammeln, der Schock war zu groß. Vielleicht liegt auch darin die Ursache für meinen Wunsch, mich von diesem Album zu trennen.

 

Außer diesem Album erinnern mich zehn Plakate der Olympischen Spiele sowie eine Keramik-Medaille mit der Inschrift: "Danke für Ihre Mitarbeit bei den Spielen der XX. Olympiade München 1972" an meinen Einsatz im Olympiadorf.

 

Bei der Fertigung dieser Medaille ist den Verantwortlichen bei der Inschrift ein kleiner Irrtum unterlaufen, der jedoch ihren besonderen Wert erhöht, es ist meine "Goldmedaille", mithin ein Unikat!

 

Der Schock lag so tief, dass ich auch keine Erinnerung mehr an besondere Ereignisse in den letzten fünf Tagen der Spiele habe. Roboterhaft verlief diese Zeit für mich bis zur Schlussfeier am 11. September.

 

Die Eröffnungsfeier glänzte als ein Traum an Farben und Tönen, die Schlussfeier versank in der Trauer um die Toten.

 

Noch am gleichen Abend reiste ich aus München ab, nichts wie weg, nach Hause nur nach Hause, das war mein Wunsch, nein, es war der brennende Wusch aller, die dabei waren und das schreckliche Geschehen miterlebt hatten. Ich hatte meinen Traum erlebt und bin mit einem Alptraum zurückgekehrt, den ich auch heute noch empfinde, wenn Terroristen zum feigen Mittel von Attentaten und Geiselnahmen greifen.

 

Viele Jahre später sollten die Ereignissen vom 5. September 1972 das Erlebte wach rufen, mir diese schreckliche Situation vor Augen führen, in der ich mich befunden hatte. Erst an diesem Tage wurde mir so recht bewusst, was hätte passieren können...

 

Es fiel mir doch sehr schwer, zu Hause wieder Tritt zu fassen. Zwar konnte ich zunächst meinen Jahresurlaub antreten, aber die Gedanken hingen dem gerade Erlebten nach. Immer wieder die Ereignisse des Attentats vor Augen, die MP auf mich gerichtet, wenn er geschossen hätte...

 

Das Leben ging weiter – dieser banale Satz fand Bestätigung in den nächsten Wochen und Monaten. Vielleicht war es auch gut so, abgelenkt zu werden durch den normalen Dienst und die Verpflichtung gegenüber meiner Familie, der ich nur Allgemeines von meinem Einsatz am Ort des Überfalls erzählt hatte.

 

Ich wollte und konnte auch nicht darüber berichten.

 

Im Oktober 1972 erhielt ich einen Brief des Organisationskomitees mit einer Bitte, die ich auszugsweise wiedergebe:

 

... die Olympischen Spiele sind vorbei. Sie sind wieder zu Hause, und ich bemühe mich um ein Fazit des Einsatzes des Ordnungsdienstes. Der tragische Zwischenfall im Olympischen Dorf am 5. 9 .72 hat m. E. alles zerstört. Nichts ist geblieben von der heiteren Atmosphäre des Anfangs. Unser Ordnungsdienst, der ein Teil des Konzeptes der "Heiteren Spiele" war, ist aus dieser Sicht ad absurdum geführt worden.

 

Wie beurteilen Sie unseren gemeinsamen Einsatz?...

 

Aus meiner Antwort zitiere ich:

 

... wenn ich ein Fazit meines Einsatzes in München ziehe, dann muss ich sagen, dass trotz des tragischen Zwischenfalls diese Spiele gezeigt haben, dass es in der heutigen Welt wert ist, sie durchzuführen. Ich bin nicht der Ansicht, dass die Morde von München alles zerstört haben. Zwar ist von der heiteren Atmosphäre der Spiele nichts geblieben, aber ich glaube, dass das "Dennoch" eine richtige Entscheidung war und meiner Meinung nach die Welt aufgerüttelt hat...

 

...ich glaube auch nicht, dass unser Ordnungsdienst ad absurdum geführt worden ist...

 

...es ergeben sich aber auch Fragen danach, wie hätte man etwas bei den Sicherheitskonzepten anders machen können? Waren sie so ausreichend? Hätte dieser Überfall auch bei stärkerer Bewachung verhindert werden können?....

 

..ich meine, dass bereits bei der Grundkonzeption für die Bebauung des Geländes die Organisatoren der Olympischen Spiele die Einwände der für den Ordnungsdienst Verantwortlichen nicht genügend Gehör gefunden haben...

 

Zu dieser Aussage stehe ich auch heute noch, stärker noch als zu der Zeit als ich dazu Stellung genommen habe, zumal in den vergangenen Jahren objektive Dokumentationen die Hintergründe dieses Attentats beleuchtet und kritisch beurteilt haben.

 

Es war nur allzu natürlich, dass ich nicht nur im Familienkreis, sonder auch von Freunden, Bekannten und Kollegen zu meinem Olympiaeinsatz befragt wurde. Vornehmlich erzählte ich von den schönen Tagen vor dem Überfall, von den rund 150 Autogrammen, von meinen Begegnungen mit Heide Rosendahl, mit Janis Lusis, mit Feina Melnik, mit Rudi Altig, mit Olga Korbut, mit Ralph Boston, mit Wilma Rudolph, nur um einige aus diesem Album zu nennen. Über die Tragödie vom 5. September schwieg ich lieber. Ich flüchtete mich dann immer in meine Erinnerungslücke, was auch plausibel klang und war, da hatte ich eine innere Sperre.

 

Mit der Zeit verblassten die Olympischen Spiele, nur wenn im Fernsehen oder in der Presse darüber berichtet wurde, kam die Erinnerung wieder hoch. Ich verdrängte das Ereignis, so gut es ging, wollte nicht darüber sprechen oder schreiben, konnte es auch nicht, noch nicht.

 

Im Dezember 1976, also mehr als vier Jahre nach dem Attentat, wurde ich dazu von Erwin E. Hirschmann, damals Redakteur bei der "Goslarschen Zeitung", interviewt. Unter der Überschrift : "Goslarer Kriminalbeamter war Zeuge des Massakers im Olympiadorf" berichtete er über meinen dortigen Einsatz und das Geschehen in der Mordnacht. Es war das erste Mal, dass ich darüber sprechen konnte, auch wenn es mir sehr schwer fiel.

 

Dabei stellte ich fest, dass doch zu viele Erinnerungslücken ein genaues Bild des Ablaufes nicht gestatteten. Bis heute fehlt mir einfach die Möglichkeit, das Erlebte in der Erinnerung abzurufen. Damit hatte ich aber den ersten Schritt getan, mit diesem Trauma zu leben, es für mich zu akzeptieren, zu wissen, da ist etwas, was im Dunklen liegt und für immer auch liegen bleiben wird.

 

In den folgenden Jahren überlagerten andere wichtige Ereignisse meine Einsatz in München. Das war auch gut so, denn ich war mir sicher, fast wieder ein normales Leben, ohne die Erinnerung daran, zu führen. Wie sehr ich mich irren sollte, zeigte dann ein Ereignis, das die Welt zutiefst erschüttern sollte.

 

Wir schrieben den 11. September 2001, ich saß nach dem Mittag am PC und suchte im Internet, als ich die Blitzmeldung las, in New York sei ein Flugzeug in einen Wolkenkratzer gestürzt. Im Zeitalter der modernen Kommunikation sind die Medien umgehend in der Lage, live über TV oder Radio zu berichten. So konnte ich also erleben, was sich da in Amerika für eine Tragödie abspielte.

 

Bald jedoch war klar, dass es kein "normaler" Flugzeugabsturz war, sondern eine ganz gezielte Aktion noch unbekannter Terroristen.

 

Entsetzt und fassungslos verfolgte ich das Drama in New York und Washington. Die einzelnen Meldungen überschlugen sich. Dann sah ich eine zweite Maschine auf einen der Twin -Towers zurasen, sie schlug ein und explodierte in einem Feuerball.

 

War das ein Katastrophenfilm oder brutale Realität?

 

Als dann die Türme langsam in sich zusammenbrachen, hilflose Menschen aus den oberen Stockwerken in den sicheren Tod sprangen, als ich die Angst der Passagiere in den Flugzeugen förmlich ahnte, da kam mir der Moment meiner eigenen Hilflosigkeit, den ich in München am 5. September 72 erlebt hatte, ins Bewusstsein zurück.

 

Ich weinte, genau wie damals bei der Trauerfeier im Olympiastadion wie Zigtausende anderer Menschen auch. In dieser Situation wurde mir erst so richtig bewusst wie nah ich dem Tod war. Ich habe das verdrängt, wollte und will es nicht wahr haben.

 

Aber das Drama von New York und Washington löste in gewisser Weise meine seelische Verkrampfung, auch wenn sich die rund dreißig fehlenden Stunden nicht mehr nachvollziehen lassen.

 

Ich gehe damit jetzt viel freier um.

 

In der Nacht zum 12. September 2001 habe ich aus der tiefen Erschütterung, aus dem fassungslosen Entsetzen heraus, folgende Zeilen geschrieben:  

 

11. September 2001

 

Am Tag des Grauens

 

Ich habe geweint,

 

in mir ist Leere,

 

ist Fassungslosigkeit,

 

TERRORMORD,

 

Preis der FREIHEIT?

 

Ich war in München dabei an jenem Septembertag,

 

war verzweifelt und habe geweint!

 

Vor mir Terroristen mit gezückter MP,

 

ich hilflos

 

die Hände zum Himmel gestreckt,

 

schießen sie?

 

Ich hatte Angst...

 

ich habe geweint...

 

Grausam die Welt verändert danach,

 

ich habe auf eine gute Wende gehofft.

 

ENTSETZEN,

 

den Mund zum Schrei geöffnet,

 

nicht fassend,

 

was dort in New York zu sehen,

 

ich habe geweint,

 

in mir ist LEERE!

 

Tausende hatten keine Chance...

 

...ich durfte damals weiterleben...

 

In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen, zu aufgewühlt, zu erregt war ich, um Ruhe finden zu können. Einerseits die in die Tiefe stürzenden Menschen, die ungeheuere Staubwolke, die sich wie ein Monster durch die Straßenschluchten New Yorks wälzte, andererseits der über mir auf dem Balkon stehende Terrorist.

 

Was ist nur los in unserer Welt?

 

Und wieder kam die Frage nach dem "Warum?" auf.

 

Rotten wir uns nicht selbst aus?

 

Müssen Hass und Mord als Mittel politischer Forderungen eingesetzt werden?

 

Ich finde darauf keine Antworten, sie bleiben ungelöst.

 

Die Attentate des 11. September hatten ein bislang nicht für möglich gehaltenes Ausmaß an Opfern. Menschenverachtender Hass trieb Tausende von unschuldigen Menschen in den Tod. Die körperlichen und seelischen Schäden der Überlebenden und Angehörigen der Opfer kann man nur erahnen, sie bleiben ein Leben lang.

 

Erst nach diesen Ereignissen kann ich ermessen, in welcher Situation ich mich damals befunden habe. Ich befand mich in ähnlicher genauso hilfloser Lage wie die Menschen im Tower oder in den Fliegern, nur ohne die schrecklichen Konsequenzen. Das kam mir an diesem Tage ganz deutlich zum Bewusstsein.

 

Nach jedem Attentat, nach jeder Geiselnahme konnte ich nachts nicht schlafen. Mein eigenes Erleben, die Bilder der in den Tod sich stürzenden Menschen, die entsetzten Gesichter der Betroffenen, die blutüberströmten Leichen wirbelten in meinem Kopf durcheinander, alles drehte sich im Kreis, ich finde keine Antwort.

 

Wenn ich dann nach Stunden aus einem bleiernden Schlaf erwachte, war ich gedanklich genau so weit wie vorher. Ich fand den Schlüssel zu meinem fehlenden Stunden nicht, wie verhext war das. Mit jedem neuen Ereignis dieser Art begann dieser Teufelsreigen von vorn, ich wusste, dass ich nicht weiter komme, und das belastete mich immer wieder von Neuem.

 

Anfang 2000 habe ich mich nach ersten vorsichtigen Versuchen im Prosabereich auch an Lyrik gewagt. Heute weiß ich, dass dies ein ganz wichtiger Schritt war, meine Ängste, meine Beklemmungen, meine Gefühle in den Griff zu bekommen, mit ihnen zu leben, und nicht der Gefahr ausgesetzt zu sein, von ihnen zerstört zu werden.

 

Höchst bedeutsam für mich wurde der Text zu dem Geschehen in New York, ich hatte in wenigen Worten alles das ausdrücken können, was mich bewegte. Es war eine Befreiung im wahrsten Sinne, und so ist dass Schreiben eine Therapie für mich geworden, obwohl mir klar ist, dass ich das Dunkel des 5. September 1972 nie werde erhellen können. Aber vielleicht ist es auch gut so!

 

Erschreckend ist die Zahl der aufsehenerregenden Attentate und Anschläge. An die tägliche Berichterstattung über Selbstmordattentäter hat sich die Welt wohl gewöhnt, die gehören zum täglichen Bild der Nachrichten. Sie werden zur Kenntnis genommen wie Sportnachrichten und der Wetterbericht.

 

An Jahrestagen derartiger Überfälle folgt eine Erinnerungsnotiz, die Menschheit hastet weiter, vielleicht auch eine Flucht vor der eigenen Angst.

 

Der 11. September 2003 war ein trüber, ein regnerischer Tag. Zwei Jahre danach erinnerten Fernsehen, Rundfunk und Presse an die dramatischen Ereignisse, zeigten die damaligen erschütternden Live-Berichte. Wieder hatte mich die Erinnerung eingeholt, und so fasste ich meine Stimmung in folgenden Zeilen zusammen:

 

Zwei Jahre danach

 

Aus grauen Wolken Regen fällt,

 

durchtränkt mit seinem Nass die Welt,

 

am Jahrestag der Terroristenmorde

 

fehlen immer noch die richt´ gen Worte.

 

Die Welt hat nichts gelernt daraus,

 

macht sich selbst damit Garaus,

 

Attentate, Autobomben und die Kriege,

 

sind das wirklich echte Siege?

 

Millionen schreien "Nein, nein, nein!",

 

haltet mit dem Wahnsinn endlich ein!

 

Ist ein Menschenleben nichts mehr wert?

 

Wann wird dieser Schrei erhört?

 

Heute schreiben wir den

 

11. September 2003

 

Es sind mittlerweile zwei Jahre her,

 

dass die Twin-Towers in N.Y. in sich zusammenkrachten

 

und fast 3000 Menschen – unschuldig – in den Tod rissen.

 

Ich erinnere mich an meine Angst,

 

als ich meine Arme

 

nach oben

 

strecken musste,

 

damals am 5. September 1972 in München,

 

nach wie vor bin ich sprachlos,

 

hilflos und fassungslos

 

und gerade heute

 

sehr, sehr aufgewühlt.

 

Der Himmel ist grau in grau,

 

er weint seit Stunden!!

 

Gedanken und Gefühle, Ausdruck meiner Betroffenheit, meiner Ohnmacht, meiner Bestürzung.

 

Im Frühjahr 2003 erinnerte mich ein Anruf einer Mitarbeiterin des Deutschlandbüros der größten japanischen Zeitung "Mainishi Shimbun" an die kommenden olympischen Spiele 2004 in Rom, mit der Bitte, ob ich für einen Mitarbeiter der Sportredaktion dieser Zeitung für ein Interview zu meinem Münchener Einsatz zur Verfügung stehen würde.

 

Mit meinem "OK" stand für mich nun wieder eine neue Herausforderung an, zum einen empfand ich die Anfrage als besondere Auszeichnung, zum anderen kehrte mein Trauma zurück. Es folgten Telefonate und Mails, die den Hintergrund dieses Interviews erklärten.

 

Herr Takakazu Murata, seiner Zeit "Staff-Writer" der Sportredaktion, hatte den Auftrag, im Vorfeld der Spiele 2004 über die Geschichte der modernen olympischen Spiele zu recherchieren und darüber zu schreiben. Im Berliner Büro hatten Mitarbeiter meine Internetadresse gefunden und dadurch erfahren, dass ich 1972 Zeitzeuge des Überfalls gewesen war.

 

Herr Murata traf am 6. Dezember 2003 in Goslar ein und nach einem ausführlichen Stadtbummel und einem Besuch des Weihnachtsmarktes erklärte er mir mit Hilfe einer Dolmetscherin sein Anliegen. Wir verabredeten uns für den nächsten Tag in unserem Haus in Othfresen. Es wurde ein sehr langes und sechsstündiges Gespräch. Herr Murata bemerkte zum Schluss des Interviews, dass sein Artikel im März 2004 in einer dreiteiligen Folge in Japan veröffentlicht werde.

 

Anfang April 2004 erhielt ich dann die drei Originalausgaben, die mir eine japanische Bekannte ins Deutsche übersetzte. Diese Übersetzung will ich nicht vorenthalten:

 

Blutige Spiele

 

(von Takakazu MURATA, Staff-writer, "Mainishi Shimbun”, Tokyo)

 

Der Weg, der die Olympischen Spiele begleitete

 

Mit dem ersten Morgenlicht waren Schüsse zu hören. 5. September1972. Der 11. Tag im olympischen München war gerade angebrochen.

 

Die Schüsse waren der Auftakt für den Angriff auf die israelischen Athleten durch die palästinensische Guerilla ""Schwarzer September"".

 

Da ist ein Mann, der die schmerzlichste Tragödie olympischer Geschichte miterlebte, die 17 Menschenleben forderte. Er war stolz auf die Autogramme der Athleten, jetzt wurde sie zu einer bitteren Erinnerung. Der Mann, der der Vergangenheit entrinnen will. Er fragt sich noch immer, wie er sich davon lösen kann.

 

Auslöser war der 11. September.

 

Am 11. September 2001 verfolgte der Mann gebannt die Fernsehberichte. Er war nicht der Einzige. Die ganze Welt war wie gefesselt von den Bildern des in schwarzen Rauch gehüllten World Trade Centers.

 

Mit jedem Wort aus dem Munde des Nachrichtensprechers überkam ihn das Gefühl, zu ersticken. Erinnerungen an einen solchen Moment kommen in ihm hoch.

 

Vom Dachboden holte er eine Schachtel, die lange Zeit fest verschlossen geblieben war. Darin fand sich das Autogrammbuch von den Olympischen Spielen in München.

 

Nach 29 Jahren nahm er das Buch zum ersten Mal wieder in die Hände. In dieser Nacht schrieb er ein Gedicht.

 

Der Mann ist Fritz Rubin, 65 Jahre alt, lebt in der Nähe von Goslar am Harz in Deutschland.

 

Goslar, eine Stadt mit heute 46ooo Einwohnern, florierte einst durch den Silberbergbau. Die Altstadt mit zahlreichen Fachwerkhäusern zählt zum Weltkulturerbe.

 

Herr Rubin betätigt sich derzeit als Lyriker und Schriftsteller. In früheren Jahren war er Polizist.

 

Für die Teilnahme an den Olympischen Spielen nahm er 1971 die Hürde, unter 80 Bewerbern als einer von 6 erfolgreichen Kandidaten ausgewählt zu werden.

 

Seine Aufgabe bestand darin, im Olympischen Dorf Streife zu gehen. Abgesehen von dem nicht zu übersehenden Bauch wirkt seine durch früheres Handballtraining kräftige Statur noch heute trainiert.

 

"Zu Beginn war die Stimmung so ausgelassen wie bei einem Festival. Wir hatten schönes Wetter, ich trug in meiner Freizeit T-Shirt und Shorts."

 

Er war dabei, Sportler um Autogrammen zu bitten. Am 4. September1971, dem 10. Tag der Olympischen Spiele, hatte er es auf stolze 150 Autogramme gebracht.

 

"Es wird eine schöne Erinnerung sein.", freute er sich beim wiederholten Anblick des Autogrammbuchs. Er hätte nie für möglich gehalten, dass damit abscheuliche Erinnerungen verbunden sein würden.

 

Am frühen Morgen jenes 5. September stürzt ein Kollege in sein Zimmer im Olympischen Dorf, "Schüsse im Dorf".

 

Er rennt los, greift noch nach Hut und Jacke.

 

Die Sportlerunterkünfte unterschieden sich nach Farben, von Norden ausgehend erst gelb, dann grün und blau. Das israelische Team war im blauen Wohnblock NO 31 untergebracht. Fritz Rubin trifft im Erdgeschoss auf einen maskierten Mann mit einem Maschinengewehr. Herr Rubin signalisiert, dass er unbewaffnet sei und geht mit erhobenen Händen auf ihn zu.

 

Verfolgen wir die Ereignisse weiter in den offiziellen Aufzeichnungen.

 

Am 5.September fallen palästinensische Freischärler ins Olympische Dorf ein. Sie erschießen zwei israelische Sportler und nehmen neun Geiseln in ihre Gewalt.

 

12 Uhr Mittag:

 

Westdeutsche Behörden lassen verlauten, dass die Guerillagruppe die Freilassung von 200 in Israel inhaftierten Guerillamitgliedern fordert sowie ein Flugzeug für sie selbst, um das Land verlassen zu können.

 

14:15 Uhr:

 

Der Leiter der Münchner Polizei, Schreiber, ordnet die Präzisionsschützen an, die Terroristen zu erschießen.

 

Ca. 22:00 Uhr:

 

Außenminister Genscher geht auf die Forderung der Freischärler ein und verspricht, sie mit den Geiseln außer Landes zu bringen.

 

Ca. 22:15 Uhr:

 

Ein Bus parkt am Wohnviertel, der die Guerillamitglieder und die Geiseln zum Hubschrauberlandeplatz in der Nähe des Haupttors bringen soll.

 

Drei Hubschrauber mit den Guerillas und Geiseln an Bord starten.

 

22:55 Uhr:

 

Die Hubschrauber landen auf dem Stützpunkt Fürstenfeldbruck, einem Münchner Vorort. Zwei Guerillamitglieder nähern sich der Boeing 727 zur Aufklärung. Sie rennen mit den Geiseln auf die Startbahn. Kurz darauf ertönt das hebräische Wort für "weglaufen", woraufhin ein Schusswechsel ausbricht.

 

Die Guerillas werfen Handgranaten auf die Hubschrauber mit den Geiseln an Bord. Die Hubschrauber gehen in Flammen auf.

 

Am 6. September um 00:30 Uhr kündigt der Sprecher der deutschen Bundesregierung an, dass alle Geiseln in Sicherheit gebracht wurden.

 

01:40 Uhr: Ende der Schießerei.

 

08:00 Uhr: Die Münchner Polizei verkündet: "Die neun Geiseln, fünf Guerillamitglieder und ein Polizeibeamter sind ums Leben gekommen."

 

Damit dementiert sie schlichtweg die Rettung von Geiseln. Mit den Toten im Olympischen Dorf fordert dieser Terrorakt insgesamt 17 Todesopfer.

 

10:10 Uhr: Bei den Trauerfeierlichkeiten zu Ehren der Opfer im Olympiastadium wandte sich der IOC-Chef Brundage mit den Worten an die Öffentlichkeit:

 

"Laßt uns zum olympischen Gedanken zurückkehren und nicht dem Terrorismus beugen. Die Spiele müssen weitergehen!"

 

Seit dem Augenblick, in dem Fritz Rubin den Geiselnehmern gegenübersteht, entzieht sich alles weitere seiner Erinnerung.

 

Das nächste Ereignis, an das er sich wieder erinnert, ist die Ansprache des IOC Chefs Brundage im Olympiastadium.

 

Es ist ihm nicht möglich, sich alles, was sich in der Zwischenzeit ereignet hat, wieder ins Gedächtnis zu rufen. Vielleicht hat sein Wunsch nach Verdrängung seine Erinnerungen einfach zugedeckt.

 

Sein Gesicht rötet sich. "Es waren wunderbare Spiele. Die ganze Welt blickte auf Deutschland. Ich hatte nicht im Traum daran gedacht, dass es so eine Wende nehmen könnte."

 

Indem er dies sagt, dreht er sich weg.

 

Es ist nicht zu übersehen, dass er sich Tränen von der Wange wischt.

 

Deutschland wollte mit den Olympischen Spielen in München unter dem Motto "strahlend und gut organisiert" endgültig einen Schlussstrich unter das Negativimage der Hitler -und Nazizeit, das mit den ersten Olympischen Spielen auf deutschem Boden im Sommer 1936 in Berlin verbunden war, ziehen.

 

Und nun blieben sie erneut mit dem Namen "Bühne des Teufels" behaftet.

 

Herr Rubin sagt noch:

 

"Ein Terrorist hatte eine Waffe auf mich gerichtet. Wenn sein Finger auch nur den Hauch einer Bewegung gemacht hätte, säße ich heute nicht hier."

 

Diese Erfahrung macht ihm nur allzu deutlich, welche Angst und Traurigkeit die Opfer verspürt haben müssen. Er hofft, sein kostbares Autogrammbuch jemandem vermachen zu können.

 

Der 11. September 2001 ereignete sich, als alles überwunden schien. Die Vergangenheit holte ihn ein.

 

Er möchte sich von dem Autogrammbuch trennen. "Es ist, als könnte ich mich dadurch von allem befreien."

 

Mit seiner leisen Stimme klingt dies wie ein Gebet.

 

Am 24. August 2004 hatte mich FOCUS -TV zu Filmaufnahmen für eine Dokumentation über das Attentat vom 5. September 1972 nach München eingeladen. Ich war dieser Bitte gefolgt und stand nun erneut an jener Stelle, an der vor heute 34 Jahren unser Traum von den heilen Olympischen Spielen zerplatzt war. Wieder dieser weißblaue Himmel über München, einige dicke weiße Wolken spendeten hin und wieder etwas Schatten, als ich vor laufender Kamera von damals berichtete.

 

Gut drei Stunden beantwortete ich die Fragen meines Interviewpartners, erneut aufgewühlt und erregt. Wie schweißtreibend dieses Gespräch war, bemerkte ich erst, als das Interview beendet war.

 

Die nächste Schreckensnachricht, diesmal aus der russischen Teilrepublik Nordossetien, erschütterte die Welt am 1. September 2004. Dort hatten bewaffnete Terroristen eine Schule am Tage der Einschulung der Erstklässler überfallen und über 1 000 Menschen in ihre Gewalt gebracht. Wieder herrschte diese Ohmmacht, diese Angst, dieses Entsetzen, diese Hilflosigkeit.

 

Das Fernsehen berichtete direkt vom Ort des Überfalls, Schreckensbilder, die atemlos machten und die Unsinnigkeit des Terrors in aller Deutlichkeit dokumentierten. Über 300 Opfer, darunter 186 Kinder – darf dieses Massaker in Vergessenheit geraten?

 

Unter dem ungeheueren Eindruck dieser beiden Daten schrieb ich dann am 5. September 2004 folgendes Gedicht, in dem ich beide Ereignisse zusammengefasst habe:  

 

Nichts gelernt...

 

Ein Donnerstagnachmittag im August 2004,

 

München, Conollystraße 31,

 

im Olympiadorf.

 

Da stand ich nun an jener Stelle,

 

an der vor genau 32 Jahren

 

die Welt erschüttert wurde,

 

die Fernsehkamera

 

auf mich gerichtet!

 

Die Sonne brannte heiß,

 

weiße Wattebäusche am Himmel

 

gaben hin und wieder etwas Schatten,

 

das Atmen fiel mir schwer,

 

ich schwitzte.

 

Nur einige Passanten eilten vorbei,

 

lautlos, achtlos,

 

mit leerem Blick,

 

sie sahen die Gedenktafel nicht,

 

die in mir nur allzu brutal die Ereignisse

 

des 5. September 1972 wachrief.

 

Elf Namen,

 

elf Menschen mit Träumen,

 

Wünschen,

 

Hoffnungen,

 

ausgelöscht, sinnlos,

 

elf Morde,

 

ich hilflos,

 

wir alle hilflos damals,

 

erschüttert und fassungslos zugleich.

 

und heute auch!

 

Ich fühlte mein Herz pochen,

 

"da standest du damals" dachte ich,

 

nichts weiter als das,

 

die Sonne brannte in meinen Augen,

 

ich musste blinzeln und ganz tief durchatmen,

 

"du konntest nichts machen"

 

"wir konnten nichts machen",

 

damals an diesem Ort,

 

als diese wundervollen, fröhlichen und farbenfrohen Spiele

 

in Mord und Blut

 

und Tränen und Trauer endeten.

 

Die Menschheit hat nichts gelernt daraus,

 

absolut nichts...

 

...und nun...

 

... B E S L A N ...
 

 

Ich habe manchmal das Gefühl, dass nach dem ersten weltweiten Entsetzensschrei die Erleichterung Platz greift, es ist ja nicht bei uns passiert, also schnell zur Tagesordnung übergehen und... auf den nächsten Überfall warten.

 

Die Häufung solcher Nachrichten stumpft die Menschen ab, sie registrieren nicht mehr, was da geschieht. Diese schrecklichte Fratze des Terrors berührt sie nicht mehr, sie ist Alltäglichkeit geworden, sie verdrängen das einfach.

 

Und was kann die Weltpolitik bewirken?

 

Sie steht genau so machtlos vor dem mörderischen Chaos wie sechs Milliarden Menschen, die nichts weiter als Frieden wollen. Aber immer wieder zerstören blutige Anschläge den Wunsch der Menschheit, mit einander zu leben statt Terror erleiden zu müssen.

 

Was geht eigentlich in den Köpfen der Drahtzieher vor sich?

 

Konferenzen über Konferenzen mit Ergebnissen, die zu nichts führen, solange machtbesessene Machthaber ihre unmenschlichen Gedanken umzusetzen versuchen.

 

Wie oft habe ich vor der Frage gestanden, die Erlebnisse von damals niederzuschreiben, immer wieder habe ich den Entschluss, es in Angriff zu nehmen, verdrängt und alles einmal schriftlich festzuhalten.

 

Ich bin mir bewusst, dass Vieles im Laufe der Jahre in Vergessenheit geraten ist, aber der Moment meiner Hilflosigkeit, meiner Ohnmacht ist so gegenwärtig als sei es gerade gestern geschehen.

 

Mein inniger Wunsch ist es, dass der Terroranschlag von München nicht in Vergessenheit gerät, dass auch alle anderen Attentate, alle kommenden, nicht im Dunkel der Zeit versinken.

 

Die Entscheidung, aus der Erinnerung nach mehr als 34 Jahren die Dramatik der Olympischen Spiele von München aufzuzeichnen, fiel erst im Oktober 2006 nach längeren Gesprächen und intensivem Gedankenaustausch mit Uli Weidenbach, Journalist aus Köln. Irgendwann im Frühjahr 2005 erreichte mich sein Anruf.

 

Für eine Fernsehproduktion des ZDF zum Thema: "Der Olympia-Mord München ´72 – Die wahre Geschichte" hatte er über Internetrecherche meine Adresse gefunden und mich angerufen. So begann also ein wahrlich reger Gedankenaustausch per Telefon und per Mail.

 

Ich konnte im Laufe der nächsten fünfzehn Monate genau verfolgen, wo Uli Weidenbach gerade war und wie das Projekt, das zusammen mit Sebastian Dehnhardt und Manfred Oldenburg unter der Regie von Guido Knopp in Angriff genommen worden war, an Profil gewann. Es war schon aufregend, aus der Ferne das Ganze verfolgen zu können, und je näher der Tag der Ausstrahlung heranrückte, desto kribbeliger wurde ich.

 

Wie oft gingen meine Gedanken nach den Gesprächen mit Uli zurück an den Tag, als ich da vor dem Terroristen stand, hilflos, paralysiert, nackt fühlte ich mich, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich habe auch heute noch das Gefühl, in einem falschen Film mitgewirkt zu haben, so unwirklich, so gespenstisch, so absurd, so makaber war dieses Szenario!

 

Anfang Juli 2006 teilte mir Uli Weidenbach den Sendetermin mit: 15. August 2006, 20.15 Uhr im ZDF. Es war ein Datum, das ich meinem großen Freundes- und Bekanntenkreis per E-Mail zuleitete. Damit begann auch das Warten auf diesen Abend. Von Tag zu Tag nahm meine innere Anspannung zu.

 

Die Gedanken an das damalige Geschehen, die Erinnerungen an diese Apokalypse überwältigten mich mehr und mehr, aber ich fand nicht den Schlüssel für diese fehlende Zeit, für die rund dreißig Stunden, an die ich mich nicht mehr erinnern kann.

 

Dienstag, 15. August 2006, 20.15 Uhr.

 

Pünktlich zum Sendebeginn saßen meine Frau und ich vor dem Schirm. Es sollten spannende neunzig Minuten werden, die den Ablauf des damaligen Überfalls schnörkellos dokumentierten, eine offensive Dokumentation, die besonders mir ob ihrer Klarheit, ihrer objektiven Aussage unter die Haut ging.

 

Viele der Sequenzen waren mir bisher unbekannt, sie erschüttern wegen ihrer ungeheuerlichen Naivität und Sorglosigkeit um so mehr, na ja, es sollten doch fröhliche und heitere Spiele werden. Was in dieser Dokumentation an Dilettantismus, an Ohnmacht, an Hilflosigkeit, sogar an Arroganz zu Tage trat, ist für mich nicht nachvollziehbar, nicht akzeptierbar, ich empfinde es ungeheuerlich, ja, menschenverachtend.

 

Ich hatte ein schlaflose Nacht nach diesem Film, es war so, als wäre das alles erst gestern gewesen, ich war emotional sehr aufgewühlt und erneut erschüttert!

 

Wie schreibt der "Spiegel" auszugsweise so treffend in seiner Ausgabe 34/2006:

 

"... es war eine packende Dokumentation...

 

... der Angriff palästinensischer Terroristen ist in der Erinnerung der Älteren noch immer ein Trauma, diese "Stunde Null" des internationalen Terrorismus...

 

...das Verdienst des Films war seine emotionale Verhaltenheit...

 

...das wurde hier im Fernsehen dem Zuschauer viel klarer als in Steven Spielbergs aufgedonnertem Kinostück "München"..

 

Vielleicht kann ich mit diesem Fazit einen Schlussstrich unter "mein Olympia" ziehen, das Gewesene annehmen, damit ohne Bitterkeit und Groll leben.

 

"Olympia 1972", meine Teilnahme im Ordnungsdienst ist und bleibt für mich eine Auszeichnung, war aber auch besondere Verpflichtung. Der 5. September 1972 hat dennoch meinen Traum nach Frieden in der Welt, diesen Weltenmenschheitstraum, nicht zerstört.

 

Der Satz: "Die Spiele müssen weitergehen", ist verpflichtend für die Zukunft, ein Fanal, sich nicht zu beugen und daraus zu lernen.

 

Das sind wir alle den Opfern dieses Terroraktes schuldig,

 

es ist unsere moralische Pflicht,

 

sie nicht zu vergessen!

 

Copyright © Fritz Rubin, Othfresen, im Dezember 2006