Abschied unter dem Regenbogen (Die Schlussfeier)
Die Welt (BR Deutschland): "Sieben Jahre lang ist für dieses Fest gebaut und geplant worden. Die Ironie will es, dass diese Spiele jedoch erst durch das Unplanbare zu einem einem wirklichen Erfolg wurden – sofern diese Vokabel angesichts der schrecklichen Zwischenfälle noch brauchbar ist – durch die Menschen auf den Rängen und am Rande der Spiele. Sie haben diesen Spielen die Atmosphäre gegeben, sie machten – in Trauer und im Jubel – aus einem Ereignis ein Erlebnis. Sie zeigten Großmut und Fairness im Jubel, Takt und spontane Sympathie in der Trauer. Diese Menschen haben jedem die Hand gereicht, und sie wurde ihnen selten ausgeschlagen. Ob dieses Publikum bereits Deutschland repräsentierte oder darstellte, mag dahingestellt bleiben, doch es bewies, dass diese Spiele nicht von der Architektur, teuren Dächern oder perfekter Organisation, sondern von den Menschen geprägt werden."
Frankfurter Allgemeine (BR Deutschland): "Was bleibt von München '72 übrig? Im Andenken der Welt und bei uns werden das Blutvergießen und die Tatsache, dass wir Gastgeber es nicht verhindern, nicht abwenden konnten, dominieren. Aber auch gute Erinnerungen lassen sich nicht wegwischen. Da sind die Hauptakteure, die Sportler, die in München vor begeistertem Publikum oft Leistungen zeigten, wie sie kaum jemand erwartet hatte. Und trotz 'Medaillenspiegel', Ehrgeiz, separatem Erfolgsdenken von mehr als 120 Olympischen Komitees blieb es überwiegend Sport, artete selten in verbissenen Kampf aus. Es gab immer wieder spontane Gesten der Kameradschaft – auf dem Rasen, im Boxring und auf der Matte. Dem Münchner, dem internationalen Publikum von München ist das Lob nicht streitig zu machen. Das Echo auf den Rängen entsprach mit wenigen Ausnahmen zu jeder Zeit der Fairness in den Arenen, ganz egal, ob sie ungarische, amerikanische oder deutsche Fähnchen schwenkten."
Augsburger Allgemeine (BR Deutschland): "München brachte leider nicht die projektierten heiteren Spiele, weil die politischen und rassistischen Gegensätze dieser Welt besonders krass zum Durchbruch kamen. So ist also trotz der Rekord-Glanzleistungen das deutsche Olympia als Mahnung für den Fortbestand der olympischen Ideologie zu verstehen, die in größerer Gefahr als je zuvor schwebt."
Stuttgarter Zeitung (BR Deutschland): "München erlebte zwei Dinge, die es wert sind, am Rande der Tragödie, von der es geschüttelt wurde, als Positivum festgehalten zu werden. DDR-Sportler und Funktionäre, die gekommen waren, um an der Ostseite der deutschen Tafel, deren Tischtuch zerschnitten ist, mit süffisantem Lächeln einen Medaillenberg aufzuhäufen, fanden zu einem Lachen, das sympathischer war. Sie fanden zu ihm, als sie merkten, dass der Beifall, der sie bei der Eröffnungszeremonie begrüßte, nicht befohlen, sondern spontan und herzlich war. Das lockerte Verkrampfungen, die am Anfang unübersehbar waren, in unerwartetem Maße. Athleten und Funktionäre, die nicht nur Medaillenneid, sondern auch westdeutsche Hochnäsigkeit in vielgestaltiger Form erwartet hatten, waren angenehm überrascht, und es gab sympathische Goodwillreaktionen. Nach der ersten Woche bekamen westdeutsche Reporter eine Interviewfreiheit, die sie nicht für möglich gehalten hatten. Zweite sympathische Reaktion: Die DDR erkannte nicht nur die Ohnmacht der Gastgeber gegenüber den schmutzigen Überfall der arabischen Terroristen auf israelische Sportler, sondern sie ließ auch erkennen, dass ihre Souveränität nichts an der Tatsache ändert, dass es einmal eine grässliche deutsche Gemeinsamkeit gegenüber den Israeli gegeben hat."
Kölner Stadtanzeiger (BR Deutschland): "Was bleibt nun für diese Stadt unter dem dicken schwarzen Strich: die Erinnerung an ein heiteres, im Festkleid repräsentierendes München, an das friedlich-entspannte, weltstädtische 'Swinging Munich'? – Oder werden die Eindrücke von zerstörerischer Gewalt und dem Unvermögen, ihrer Herr zu werden, stärker haften im Bild der Welt? Nach Schock und Trauer bleibt die Frage, die berechnend erscheinen mag und doch für diese Stadt der 1,4 Millionen Menschen die letztlich entscheidende ist: Hat München durch diese XX. Olympischen Spiele der Neuzeit am Ende gewonnen oder verloren? Eine solche Bilanz wird ideelle und materielle Faktoren aufweisen müssen... Ihren großen Schlussempfang für die hohen Olympiagäste, der zum Samstag geplant war, hat die Stadt abgesagt. Aber am nämlichen Tag erreichte die Münchner Journalisten eine Einladung zur traditionellen Vorbesichtigung des Oktoberfestes. Das Münchner Leben geht weiter und findet zu seinem alten Rhythmus zurück."
Nürnberger Nachrichten (BR Deutschland): "Wir sollten weder das Wunderbare noch das Schreckliche vergessen. Es nützt nichts, das eine zu Gunsten des anderen aus dem Gedächtnis zu verdrängen. München lebt in seiner Zukunft weder vom fröhlichen noch vom traurigen Resultat: es lebt davon, dass im Norden der Stadt ein phantastisches Sportgelände entstanden ist, unbeschädigt vom Terror, leicht lädiert von den Besuchern, die das Areal zu Millionen bevölkert haben."
Georg Kronawitter (Oberbürgermeister von München): "Die Olympischen Spiele 1972 sind nach 17 Tagen zu Ende gegangen. Die Stadt kehrt wieder in ihren Alltag zurück. Die Spiele, die von den Ereignissen am 5. und 6. September überschattet waren, sind trotz dieser großen Belastung zu einem guten Ende gekommen. Wesentlichen Anteil daran hatten die Münchner selbst: Sie waren gute und liebenswürdige Gastgeber, und sie waren in den Stadien ein hervorragendes Publikum, das schon bei der Eröffnungsfeier jede Mannschaft – aus welchem Lande sie auch kam – herzlich willkommen hieß und jede große sportliche Leistung mit begeistertem Beifall bedachte. Die Münchner haben gezeigt, dass unsere Stadt eine würdige Stätte für Olympische Spiele ist. Die freundliche Aufnahme in München, die Hilfsbereitschaft der Münchner und ihre Gastfreundschaft sind von unseren Gästen immer wieder gelobt worden. Als Oberbürgermeister der bayerischen Landeshauptstadt möchte ich mich dafür bei der Bürgerschaft herzlich bedanken."
Willi Daume (OK-Präsident) am 11. September 1972: "In einigen Monaten, in ein paar Jahren, ja vielleicht erst in Jahrzehnten wird man sagen, dass München ein zeitgeschichtliches Ereignis war, das mit seiner ganzen Tragik, seiner Wirrnis und der Unreife die Probleme deutlich gemacht hat, mit denen wir in dieser Welt von heute leben müssen. Für mich gibt es nur ein unendliches Bedauern, dass es uns nicht gelang, die Spiele zu dem unvergesslichen Fest zu steigern, das es werden sollte."
Willi Daume im Jahr 1982: "Es ist unbezweifelbar, dass die olympische Völkerfamilie der nationalistischen und gesellschaftspolitischen Konfrontation müde ist und dass es nur des Anstoßes bedarf, dieser Empfindung auch zu folgen. Auch die Spiele nach München haben das gezeigt. Als das wesentliche Ereignis von München sehe ich aber an, dass bei aller legitimen Emotion vom Nationalen her der Mensch, der einzelne Athlet als Persönlichkeit wieder an erster Stelle gestanden hat.
Wären die Spiele nicht durch den brutalen Akt irregeleiteter Extremisten vorübergehend in einen tiefen Abgrund gestürzt worden und hätten sie den Bogen von der beschwingten Eröffnungsfeier zur ebenso fröhlich geplanten Schlussfeier vollenden können, so wäre dies alles noch stärker in Erscheinung getreten. Aber vielleicht gehört auch das zu unserer Zeit. Durch den tragischen Irrtum jener, die glaubten und immer noch glauben, ihre Probleme auf solche Art lösen zu können, wurden alle daran erinnert, dass Olympische Spiele nicht in einer Welt für sich stattfinden, nicht auf einer 'Insel der Seligen', sondern eben in unserer harten Gegenwart. In München hatte sich ein Querschnitt der Weltbevölkerung versammelt. Wie diese Menschen reagiert haben, war in etwa repräsentativ für die Menschheit. Es geht eine tiefe Sehnsucht nach Frieden, nach Kommunikation, nach Entspannung durch die Welt. Darum hat Olympia nicht nur eine Zukunft, sondern auch eine würdige Aufgabe.
Von der Erinnerung her ist ganz sicher auf die Münchner Spiele ein warmer Schein gefallen. Und Verstehen und Dankbarkeit für das Volk, das sie veranstaltet hat, sind nachgekommen und bis heute wirksam."Joachim Fuchsberger im Jahr 2002: "Diese '72er Olympia-Atmosphäre ist offenbar etwas Unzerstörbares. Alle die, die noch leben – viele sind nicht mehr unter uns – ziehen das mit wie etwas, das man in einer Schatulle im Inneren bewahrt. Da lassen wir nichts drankommen, das ist etwas Bleibendes, das geht nicht kaputt."