Interview der ARD-Olympiawelle mit dem Sicherheitschef des Olympischen Dorfes

 

"Sie sind ohne jede Waffe"

 

Das Interview mit Ernst-Thomas Strecker führte Heinz Deutschendorf am 29. August 1972

 

 

Mauritz [Hörfunk-Reporter der ARD-Olympiawelle in der Sendezentrale]: Es muss natürlich neben vielen Dingen auch eine gewisse Ordnung herrschen, das ist klar, meine Damen und Herren. Eine große Anzahl von Mitarbeitern bemüht sich darum, zum Beispiel im Olympischen Dorf. Mit dem zuständigen Leiter sprach Heinz Deutschendorf.

 

Deutschendorf: Für Verkehr und Sicherheit im Olympischen Dorf ist Ernst-Thomas Strecker verantwortlich. Herr Strecker, gleich die erste Frage: Eine große deutsche Zeitung hat heute eine Schlagzeile: "Sportler als Diebe entlarvt, hohe Verluste der Geschäfte im Olympiadorf". Fällt das in Ihr Ressort und wie ist das möglich, wie ist dem abzuhelfen?

 

Strecker: Ja, natürlich gehört das zu meinem Arbeitsgebiet, und zwar zur Abteilung Sicherheit, nicht zum Verkehr, mit dem ich ja auch zu tun habe und der mich fast so beschäftigt wie die Sicherheit, die mich schon einigermaßen fordert. Ich wurde gestern angerufen von einer großen, maßgeblichen Zeitung, die mir die Frage stellte, wie es aussehe mit den Diebstählen im Olympischen Dorf, ob die meine Erwartungen oder meine Befürchtungen überstiegen oder nicht. Ich musste wahrheitsgemäß antworten: Ich bin überrascht, dass so wenig gestohlen wird. Ich hatte mit viel größeren Verlusten gerechnet, zum Beispiel Fernsehgeräte aus den Quartieren der Mannschaften, aber auch Ladendiebstähle und so weiter. Das, was mich am meisten mit dem Stichwort "Diebstahl" konfrontiert, das ist das Stichwort "Fahrrad". Es werden täglich Fahrräder und auch gehobene Fahrräder in Form eines Mopeds geklaut. Ob man die nun anschließt mit einer mehr oder weniger raffinierten Sicherung oder einfach schlicht stehen lässt in der Erwartung, der liebe Gott sorgt schon dafür, und so weiter. Fahrräder sind ein begehrter Artikel, die verschwinden innerhalb von Tagen. Aber sonst, und jetzt komme ich auf Ihre Frage, was hier geklaut, was gestohlen wird: Ich weiß von Ladenbesitzern, es kommt einiges weg, aber das geschieht nicht nur im Olympischen Dorf, das geschieht bestimmt auch am Marienplatz, in irgendeinem der Kaufhäuser oder sonst irgendwo in der Welt. Natürlich ist es leichter hier für Langfinger, aktiv vorzugehen und Beute zu machen, wenn man zum Beispiel mit zehn, zwanzig Leuten ein, zwei Verkäuferinnen bedrängt, ablenkt, und der eigentliche operative Trupp greift zu und lässt dann verschwinden.

 

Deutschendorf: Herr Strecker, was tun Sie, und das kann ja eine sehr peinliche Situation sein, wenn Sie beispielsweise einen bekannten Sportler irgendeines Landes bei einem Diebstahl mit Ihren Leuten erwischen würden?

 

Strecker: Dieser Sache war ich noch nicht gegenübergestellt. Ich würde auf jeden Fall, wenn ich selbst dabei wäre, beobachten, würde mir merken, wie sind die Umstände gewesen, wer ist als Zeuge greifbar, ich würde auf keinen Fall sofort zugreifen. Ich würde also den bekannten oder auch unbekannten Sportler nicht versuchen vor der Öffentlichkeit zu desavouieren, aber ich würde alles tun, um die Sache aufzuklären. Ich würde die Beweismittel in meinem Hirn sammeln, ich würde beobachten, nach Zeugen schauen und so weiter. Aber ich würde einen Affront, ein Spektakulum, ein Schauspiel versuchen zu vermeiden.

 

Deutschendorf: Herr Strecker, heute Mittag um 12.30 Uhr trifft der Bundeskanzler im Olympischen Dorf ein. Es waren schon andere Persönlichkeiten des politischen Lebens hier, so der Bundespräsident, hohe Gäste aus dem Ausland. Wie ist da Ihre Art von Sicherheitsdienst aufgebaut, fällt das in Ihr Ressort oder sind da die entsprechenden Sicherungsgruppen Bonn oder ähnliche aus den ausländischen Staaten eingeschaltet?

 

Strecker: Natürlich fällt das in mein Gebiet, ich bin der Verantwortliche für die Sicherheit im Olympischen Dorf als Gehilfe des Bürgermeisters in Sicherheitsfragen. In diesem Falle, vorgestern der Bundespräsident, gestern bei Frau Heinemann etwas abgeschwächt, da waren diese Sicherungsmaßnahmen nicht in diesem Maße erforderlich, heute wieder der Bundeskanzler. Hier muss ich natürlich auf den Plan treten, und zwar enge Verbindungnahme mit all den Kräften, die in Begleitung des Bundeskanzlers sind, also Sicherungsgruppe Bonn, um Namen zu nennen. Das ist dieses Mal eine Absprache und gestern eine genaue Begehung der Plätze, der Wege, die heute im Programm stehen.

 

Deutschendorf: Letzte Frage in dem Zusammenhang: Sind diese Helfer, die Sie haben, bewaffnet?

 

Strecker: Nein. Nein. Die sind nur bewaffnet mit ihrem Verstand oder mit ihrer Aufmerksamkeit, mit ihrem Interesse. Die sind ohne jede Waffe. Sie fahren Rad, tragen ein weißes Hemd, das immer kürzer wird nach jeder Wäsche, sie tragen eine blaue Hose und ein weißes Käppchen. Ohne jede Waffe.