Der Weg des Terrors nach München (Die Sicherheitslage 1972)
"Der ganze Terrorakt und jedes seiner Details ist auf Effekt ausgerichtet, gleichgültig, ob Terrorismus von Geisteskrankheit
Münchens Polizeipräsident Manfred Schreiber war als Leiter des gemeinsamen Einsatzes der aus allen Bundesländern zusammengezogenen Polizeikräfte für die Sicherheit der Spiele verantwortlich. Politisch motivierte Störaktionen während der Olympischen Spiele hielten Schreiber und seine Mitarbeiter zwar für möglich. Doch angesichts der Devise von den "heiteren Spielen" wollte man Sicherheit und Ordnung "nicht formal, blind und unflexibel" durchsetzen – und so wurde Siebers Attentats-Vision als "zu unrealistisch" abgelehnt. Der schlimmstmögliche Ernstfall wurde folglich nicht in die Schulungsmappe des Ordnungsdienstes aufgenommen, stattdessen konzentrierten sich die polizeilichen Vorbereitungsmaßnahmen auf sogenannte "Kleinstörungen" wie politische Demonstrationen, Diebstähle oder Schlägereien.
Am 4. Februar 1972, zwei Tage nach einem Sprengstoffanschlag der terroristischen "Bewegung 2. Juni" auf den britischen Jachtclub in Berlin-Gatow, appellierte Bundeskanzler Brandt in einer Fernsehansprache an die Bevölkerung und die Sicherheitsorgane, dem Terrorismus Einhalt zu gebieten.
In der Nacht zum 6. Februar 1972 verübten Terroristen vom "Schwarzen September" in Hamburg einen Sprengstoffanschlag auf die Fabrikhalle der "Ad. Strüver KG", einer Firma, die Schaltanlagen und Spezialaggregate nach Israel lieferte. Wenige Stunden später flog bei der Esso-Raffinerie in Harburg ein Tank in die Luft, und noch in derselben Nacht explodierten in der holländischen Provinz Brabant zwei Erdgasschaltstellen. Am nächsten Morgen wurden in Brühl bei Köln fünf Jordanier in einer Kellerwohnung ermordet aufgefunden. Einer der Toten, Ahmad Niggim, war bezahlter V-Mann des Bundesamtes für Verfassungsschutz und hatte kontinuierlich über Pläne und Aktivitäten radikaler palästinensischer Untergrundorganisationen auf westdeutschem Boden berichtet, vor allem der Fatah. Zu diesen Anschlägen bekannte sich aus Beirut der "Schwarze September".
Am 8. Mai 1972 wurde eine Boeing 707 der Sabena von arabischen Terroristen auf dem israelischen Flughafen Lod gekapert. Die Angreifer verlangten die Freilassung von 270 inhaftierten Palästinensern. Israels Verteidigungsminister Moshe Dajan ließ erst 21 lange Stunden verhandeln und befahl dann den Sturmangriff mit als Mechaniker verkleideten Sicherheitsbeamten. Gleichzeitig drangen Fallschirmjäger über die Notausstiege ein. Resultat: Zwei Terroristen und ein Passagier wurden getötet, es gab fünf Verletzte, 92 Passagiere wurden befreit. Mitglieder des "Schwarzen September" schworen in Beirut Rache für ihre in Tel Aviv ermordeten Kameraden.
Der israelische Geheimdienst Mossad war bis zu diesem Zeitpunkt von der Annahme ausgegangen, die Aktivitäten des "Schwarzen September" hätten ausschließlich zum Ziel, dem Nachbarland Jordanien und dessen König Hussein zu schaden, und selbst nach der Flugzeugentführung vom 8. Mai hielt man an dieser Theorie noch fest. Der Strategiewechsel der Terrorgruppe, der jetzt in der Konzentration auf israelische Ziele bestand, wurde nicht rechtzeitig erkannt. Die israelischen Nachrichtendienste waren weiterhin der Überzeugung, dass Israel nicht das Hauptangriffsziel des "Schwarzen September" sei.
Am 11. Mai 1972 startete die "Rote Armee Fraktion" (RAF) in der Bundesrepublik ihre "Frühjahrsoffensive '72": Um 19.00 Uhr verwüsteten in Frankfurt drei selbstgebastelte Rohrbomben das Eingangsportal und Offizierskasino des V. US-Korps im IG-Farben-Haus. Oberstleutnant Paul A. Bloomquist verblutete, 13 Menschen wurden verletzt.
Einen Tag später detonierten um 12.15 Uhr auf zwei Büroschränken in der Augsburger Polizeidirektion zwei Stahlrohr-Sprengkörper. Fünf Polizisten wurden verletzt. Um 14.25 Uhr flog auf dem Parkhof des Landeskriminalamts in der Maillingerstraße in München ein mit Sprengstoff beladener PKW in die Luft. Sechzig Autos wurden demoliert, LKA-Fensterscheiben zerbarsten in sechs Stockwerken.
Am 15. Mai 1972 um 12.40 Uhr explodierte in der Klosestraße in Karlsruhe ein roter VW, als die Frau eines Bundesrichters den Schlüssel ins Zündschloss steckte. Die Frau wurde an beiden Beinen verletzt, überlebte aber den Anschlag.
Am 19. Mai 1972 um 15.41 Uhr explodierten in Toilettenräumen des Hamburger Springer-Hochhauses zwei Bomben. Drei Sprengkörper konnten entschärft werden. Es gab 17 Verletzte, darunter zwei Schwerverletzte.
Am 24. Mai 1972 um 18.10 Uhr detonierten vor dem Kasernenblock 28 und dem Kasino des Europa-Hauptquartiers der US-Armee in Heidelberg zwei in Autos deponierte Bomben. Drei amerikanische Soldaten wurden getötet, fünf verletzt. Zwei Tage später bekannte sich die RAF in einem Brief an die Deutsche Presse-Agentur zu diesem Anschlag.
Mitte Mai 1972 war es im libanesischen Flüchtlingslager Baddawi zu einem bemerkenswerten Treffen zwischen dem Chef der "Volksfront zur Befreiung Palästinas" (PFLP), George Habbash, den Mitgliedern des "Schwarzen September" Abu Ijad und Fuad Shemali sowie Angehörigen der nordirischen IRA, der japanischen "Roten Armee" und der westdeutschen RAF gekommen. Man vereinbarte gegenseitige Unterstützung bei weltweiten terroristischen Aktionen.
Als erstes Ergebnis dieser Übereinkunft verübten die drei japanischen Terroristen Kozo Okamoto (siehe Foto), Takeshi Okidoro und Yasuiki Yashuda im Auftrag der PFLP am 30. Mai 1972 in der Ankunftshalle des israelischen Flughafens Lod ein Blutbad, als sie wahllos in die Menge schossen, wobei 28 Menschen getötet und 75 verletzt wurden. In der Folge kam es zu verstärkten israelischen Militäraktionen gegen Palästinenserstellungen im Grenzgebiet zu Libanon und Syrien.
Am 31. Mai 1972 verabschiedete der Deutsche Bundestag ein "Befristetes Gesetz zum Schutz des Olympischen Friedens", das bis zum 31. Dezember 1972 die Versammlungsfreiheit einschränkte und den Landesregierungen einräumte, Bannkreise um Veranstaltungsorte zu ziehen. Durch dieses Gesetz sollten politisch motivierte Störaktionen verhindert werden.
Am 1. Juni 1972 wurden die RAF-Terroristen Andreas Baader, Holger Meins und Jan Carl Raspe nach einem längeren Schusswechsel mit der Polizei, bei dem Baader verletzt wurde, in Frankfurt am Main festgenommen. Bis zum 15. Juni 1972 wurden auch die RAF-Mitglieder Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof verhaftet. Damit befand sich die gesamte Führungsebene der "Rote Armee Fraktion" in Polizeigewahrsam.
Hinweise und Warnungen auf bevorstehende Aktionen arabischer Terroristen in Europa während der Zeit der Olympischen Spiele hatte es genug gegeben. Das geht aus dem sogenannten Kopel-Report hervor (benannt nach Pinchas Kopel, dem damaligen israelischen Polizeichef), der die Ergebnisse des von der israelischen Regierung eingesetzten Untersuchungsausschusses zusammenfasste. Israels NOK-Generalsekretär Haim Glovinsky erzählte nach dem Attentat, dass die Israelis schon Monate vorher das Organisationskomitee der XX. Olympiade um besondere Schutzmaßnahmen gebeten hatten, "weil wir wussten, dass etwas kommen würde". NOK-Präsident Joseph Inbar beklagte nach dem Überfall sogar, seine Mannschaft habe den verlangten Schutz von den deutschen Behörden nicht erhalten.
Im Juni 1972 reiste Shmuel Lalkin, der Delegationsleiter der israelischen Olympiamannschaft, nach München und inspizierte die olympischen Sportstätten sowie die Unterkünfte seines Teams im Olympischen Dorf. Unbehagen bereitete ihm die Tatsache, dass die Wohnungen der Israelis in der Conollystraße 31 im Erdgeschoss lagen und somit leicht angreifbar waren. Im Gespräch mit einem für die Olympischen Spiele zuständigen Sicherheitsbeamten vom Münchner Polizeipräsidium wurde ihm lediglich mitgeteilt, dass alle Entscheidungen bezüglich der Unterbringung seiner Delegation mit den Sicherheitsbeamten der israelischen Botschaft und dem israelischen Olympischen Komitee koordiniert und die Entscheidungen gemeinsam getroffen worden seien. Polizeipräsident Schreiber erklärte nach dem Attentat, dass mit diesen Maßnahmen sowie dem Austausch wichtiger Telefonnummern die Sicherheitsbedürfnisse beider Seiten voll befriedigt gewesen seien.
Am 4. August 1972 explodierten in Triest bei einem Sprengstoffanschlag auf die Pipeline nach Ingolstadt fünf Öltanks. Schaden: Rund 22 Millionen Mark. Die Spur der Attentäter führte nach Deutschland. Deutsche Firmen, die der Pipelinegesellschaft angehörten, hatten zuvor anonyme Drohbriefe erhalten.
Vier Wochen vor dem Olympia-Attentat soll der stellvertretende Chef des syrischen Geheimdienstes, Ali Duba, zehn Tage lang durch Deutschland gereist sein, nach Bonn, Bad Godesberg, Düsseldorf und Frankfurt. Der syrische Geheimdienst aber unterstützte vorbehaltslos die syrische Palästinenser-Organisation Al-Saikah – und damit den "Schwarzen September".
Am 24. August 1972, zwei Tage vor Beginn der Spiele, übermittelte das Bundesverkehrsministerium der Lufthansa-Direktion eine Information des Bundesamtes für Verfassungsschutz: Nach Informationen von Interpol Brüssel planten angeblich arabische Terrorgruppen für den 6. oder 12.10.1972 Anschläge gegen ein Flugzeug der Sabena, Strecke Brüssel-London mit dem Umweg über Aden sowie gegen die israelische Fluggesellschaft El Al in Brüssel. Die Terroristen, bestehend aus drei Gruppen, sollten am 14. bzw. 30.09.1972 aus Rumänien, Österreich und der Bundesrepublik kommend, in London, Amsterdam und Madrid eintreffen, um von dort auf dem Luftweg nach Brüssel zu reisen.
Am 30. August 1972 unterrichtete die Lufthansa aufgrund weiterer Informationen des Verfassungsschutzes alle ihre Außenstellen im In- und Ausland über Fernschreiber, dass die bekannten Mitglieder der palästinensischen Befreiungsfront Leila Khaled, Zaki Abd. al Hadi und Darwiza am 29. August Beirut mit unbekanntem Ziel verlassen hätten und dass mit Entführungen oder Sabotage gegen Flugzeuge gerechnet werden müsse. Es wurde erhöhte Aufmerksamkeit erbeten.
Ein Zusammenhang mit den Olympischen Spielen ergibt sich aus diesen Informationen nicht ohne weiteres. Dennoch hätte spätestens seit dem 30. August, dem fünften Olympia-Tag, bei allen deutschen und insbesondere bayerischen Behörden, auf Flughäfen und an den Grenzen höchste Aufmerksamkeit herrschen müssen. Zwar hat die Lufthansa aufgrund dieser Meldungen die Kontrolle der Passagiere verschärft. Fraglich bleibt jedoch, ob die Hinweise des Verfassungsschutzes – sie stammten vorwiegend von Interpol – von den zuständigen Sicherheitsbehörden hinreichend ernst genommen wurden.