Der Weg des Terrors nach München (Die Sicherheitslage 1972)
"Die Polizei sieht ihre Aufgabe darin, durch aufgeschlossenes, verständnisvolles und leistungs-
Die Polizei beorderte 4000 einheimische Beamte sowie 4000 Kollegen aus anderen Bundesländern zum Oberwiesenfeld und war in erster Linie außerhalb der Austragungsstätten der Olympischen Spiele für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung zuständig. Die Gewährleistung der Ordnung innerhalb der Wettkampfstätten und in deren näheren Bereichen gehörte grundsätzlich nicht zu den polizeilichen Aufgaben. Hier kam diese Funktion vorrangig dem Inhaber des Hausrechts zu (polizeiliches Subsidiaritätsprinzip). Hausrechtsinhaber war das OK, dem der Ordnungsdienst unterstand. Das Olympische Dorf zählte zum Geltungsbereich des Hausrechts, somit war für seine Sicherung der Ordnungsdienst zuständig.
Merkblatt zum Ordnungsdienst (November 1971)
Der mit hellblauen Courrèges-Anzügen im Safari-Look ausgestattete Ordnungsdienst war für die Verhinderung, Unterbindung und Beseitigung von Ordnungsstörungen im weitesten Sinne, Verkehrsregelung, Hilfeleistung und für die Information der Besucher zuständig. Er rekrutierte sich aus Beamten des Bundesgrenzschutzes und regionalen Polizeibehörden aus der ganzen Bundesrepublik. Insgesamt waren 2070 Beamte und 30 Beamtinnen auf dem Oberwiesenfeld im Einsatz. Der Ordnungsdienst hatte jedoch keine polizeilichen Befugnisse und war nicht bewaffnet: Seine Beamten waren per Beurlaubung ihres Polizeistatus enthoben und damit vom Legalitätsprinzip entbunden worden; für die Zeit der Olympiade galten sie als Handlungsgehilfen eines Vereins des bürgerlichen Rechts (des OK) mit hausrechtlichen Befugnissen. Zur ihrer Ausstattung zählten Funkgeräte, Handlautsprecher, Taschenlampen, KFZ, Mopeds etc.
Organisationspläne von Polizei und Ordnungsdienst (März 1972)
Im Rahmen der Vorbereitungen auf verschiedene Sicherheitslagen beschrieb Ende Februar 1972 der Münchner Polizeipsychologe Georg Sieber ein Szenario, das am 5. September desselben Jahres schreckliche Realität werden sollte: "Ein Freischärlerkommando hat gegen fünf Uhr früh den Zaun des Olympischen Dorfes überstiegen. Die Eindringlinge haben den Wohnblock der israelischen Mannschaft besetzt. Es wurden Schüsse und Rauch gemeldet." Sieber war als psychologischer Berater der Münchner Polizei sowie des Organisationskomitees (OK) der XX. Olympiade beauftragt worden, einen Katalog von Konflikt- und Störsituationen auf dem Oberwiesenfeld und deren Beseitigung zu erstellen. Die Studie kam zu dem Schluss, dass der Überfall auf Mannschaften von Staaten aus Konfliktgebieten für Guerilla- und Widerstandsorganisationen jeder Richtung eine attraktive Chance sei, sich selbst darzustellen, Lösegelder und andere Vorteile zu erzwingen und den Ablauf der Spiele zu einer politischen Demonstration umzufunktionieren: "Es muss mit Kommandos von ‘Kamikaze’-Truppen gerechnet werden, die ohne Rücksicht auf eigenes oder fremdes Leben vorgehen."
Münchens Polizeipräsident Manfred Schreiber war als Leiter des gemeinsamen Einsatzes der aus allen Bundesländern zusammengezogenen Polizeikräfte für die Sicherheit der Spiele verantwortlich. Politisch motivierte Störaktionen während der Olympischen Spiele hielten Schreiber und seine Mitarbeiter zwar für möglich. Doch angesichts der Devise von den "heiteren Spielen" wollte man Sicherheit und Ordnung "nicht formal, blind und unflexibel" durchsetzen – und so wurde Siebers Attentats-Vision als "zu unrealistisch" abgelehnt. Der schlimmstmögliche Ernstfall wurde folglich nicht in die Schulungsmappe des Ordnungsdienstes aufgenommen, stattdessen konzentrierten sich die polizeilichen Vorbereitungsmaßnahmen auf sogenannte "Kleinstörungen" wie politische Demonstrationen, Diebstähle oder Schlägereien.
Im Juni 1972 reiste Shmuel Lalkin, der Delegationsleiter der israelischen Olympiamannschaft, nach München und inspizierte die olympischen Sportstätten sowie die Unterkünfte seines Teams im Olympischen Dorf. Unbehagen bereitete ihm die Tatsache, dass die Wohnungen der Israelis in der Conollystraße 31 im Erdgeschoss lagen und somit leicht angreifbar waren. Im Gespräch mit einem für die Olympischen Spiele zuständigen Sicherheitsbeamten vom Münchner Polizeipräsidium wurde ihm lediglich mitgeteilt, dass alle Entscheidungen bezüglich der Unterbringung seiner Delegation mit den Sicherheitsbeamten der israelischen Botschaft und dem israelischen Olympischen Komitee koordiniert und die Entscheidungen gemeinsam getroffen worden seien. Polizeipräsident Schreiber erklärte nach dem Attentat, dass mit diesen Maßnahmen sowie dem Austausch wichtiger Telefonnummern die Sicherheitsbedürfnisse beider Seiten voll befriedigt gewesen seien.
Passierscheine für das Olympische Dorf
Wer das Olympische Dorf durch einen der offiziellen Eingänge betreten wollte, wurde vom Ordnungsdienst insgesamt zweimal kontrolliert und musste einen Passierschein vorzeigen. Wer es besonders eilig hatte, der konnte auch gleich über den nur zwei Meter hohen Maschendrahtzaun klettern, der das Dorf umgab, was vom Ordnungsdienst toleriert wurde, solange der Kletterer wie ein zurückkehrender Sportler aussah. Jede Nacht zirkulierten zwei Streifen um das Olympische Dorf, die eine im Uhrzeigersinn, die andere andersherum. Die Doppelstreifen auf den Dorfstraßen und die Wächter an den vier (von insgesamt 13) Eingängen, die auch nachts geöffnet blieben, machten in der Nacht zum 5. September 1972 keine besonderen Beobachtungen. Der Rest der 58 Ordnungsleute, die in Schichten rund um die Uhr das Dorf bewachten, hielt sich als Einsatzreserve im ersten Stock des Verwaltungsgebäudes G1 auf. Die sich anbahnende Katastrophe konnten sie nicht aufhalten. Münchens Justizsprecher Dr. Peter Metzger meinte nach dem Überfall: „Wenn man das hätte verhindern wollen, hätte man statt eines Olympischen Dorfes ein Sing-Sing bauen müssen.”
Interview der ARD-Olympiawelle mit dem Sicherheitschef des Olympischen Dorfes