Der Weg des Terrors nach München (Die Sicherheitslage 1972)

"Operation Ikrit und Birim": Die Planung des Olympia-Attentats

 

 

 

Der "Schwarze September" ist ein Ausdruck unserer Überzeugung, dass der einzig richtige Weg der der Revolution
ist. Allein die revolutionäre Gewalt kann sich den Usurpatoren und den anderen Feinden des Volkes entgegenstellen.
Wir werden diesen Weg fortsetzen, bis zu dem Tag, wo unsere Fahne wieder über unserem Land weht."
Communiqué des "Schwarzen September" vom 9. Mai 1972

 

Abu Daud, Abu Ijad
Die Terrorgruppe "Schwarzer September", deren Mitglieder das Olympia-Attentat verübt hatten, war im Spätsommer 1971 bei einem Treffen der Führungsmitglieder der PLO von Jassir Arafat in Damaskus gegründet worden. Ihr Name sollte an den blutigen September 1970 erinnern, als der jordanische König Hussein einen Aufstand palästinensischer Flüchtlinge blutig niederschlagen und die PLO aus Jordanien vertreiben ließ.

 

Die hoffnungslose Lage, in der sich die PLO befand, führte zu einer Radikalisierung ihrer Führungsebene, die sich nun entschloss, durch eine Taktik des Terrors den Staat Israel und dessen Verbündete zu bekämpfen. Ausführendes Organ dieser neuen Strategie sollte die Gruppe "Schwarzer September" sein, deren Gründung durch Mehrheitsbeschluss vollzogen wurde. Arafat selbst soll an der Abstimmung nicht teilgenommen haben.

 

Der "Schwarze September" wurde zu einem Sammelbecken radikaler Palästinenser aus den verschiedensten Widerstandsgruppen und besaß keine zentrale Führung. Die Gruppe war in einzelne Operationseinheiten aufgeteilt und sowohl organisatorisch als auch finanziell von der PLO unabhängig. Die Zahl ihrer Mitglieder wurde im Jahr 1972 auf 300 bis 500 Aktive geschätzt, die in kleinen Kommandotrupps operierten. Die mutmaßlichen Drahtzieher und Organisatoren des Olympia-Attentats waren Ali Hassan Salameh alias Abu Hassan, ein enger Vertrauter von PLO-Chef Arafat, sowie die Fatah-Führungsmitglieder Mohammed Udeh alias Abu Daud (im Foto links) und Salah Chalaf alias Abu Ijad (im Foto rechts).

 

Das Aktionsfeld des "Schwarzen September" beschränkte sich nicht auf den Nahen Osten; auch in Europa, Nordafrika und den USA wurden geheime Stützpunkte eingerichtet, die als Ausgangspunkt weltweiter Terroranschläge dienten. Palästinenser wurden an die Universitäten der entsprechenden Länder geschickt, lernten Sprachen, Sitten und Frauen des Gastlandes kennen und brachten damit die besten Voraussetzungen mit, eines Tages für ein Kommandounternehmen eingesetzt zu werden. Die meisten der Münchner Attentäter hatten Verbindungen nach Deutschland. Mohammed Massalha, der Anführer der "Operation Ikrit und Birim", hatte jahrelang in Deutschland gelebt und in Berlin studiert. Ihm war es auch gelungen, sich im Olympischen Dorf als Bauingenieur anstellen zu lassen. Sein Stellvertreter Yusuf Nazzal hatte ebenfalls in Deutschland studiert und im Olympischen Dorf als Koch gearbeitet.

 

Der spektakuläre Auftakt der Aktivitäten des "Schwarzen September" war die Erschießung des jordanischen Ministerpräsidenten Wasfi al Tel am 28. November 1971 im Eingang des Kairoer Luxushotels Sheraton. Es folgten Schüsse auf den jordanischen Botschafter in London, Said al Rifai, und die Explosion einer Bombe in der jordanischen UN-Mission in Genf. In der ersten Jahreshälfte 1972 wurden vermehrt Anschläge in Europa, auch in der Bundesrepublik, verübt.

 

Mitte Juli 1972 trafen sich Abu Daud, Abu Ijad und Fachri al Umari in Rom. Nachdem das IOC Anfang des Jahres die Teilnahme einer palästinensischen Mannschaft bei den Olympischen Spielen abgelehnt hatte, beschloss man nun, dass die Palästinenser auf ihre Art an den Spielen teilnehmen sollten. Man einigte sich auf die Gefangennahme israelischer Sportler, um drei Ziele zu erreichen, die Abu Ijad später in seinem Buch "Heimat oder Tod" wie folgt beschrieb:

 

  • Die Existenz des palästinensischen Volkes sollte der ganzen Welt vor Augen geführt werden.
  • 230 palästinensische Gefangene sollten aus israelischen Gefängnissen freigepresst werden.
  • Die nie dagewesene Medienkonzentration in einer einzelnen Stadt sollte genutzt werden, um die Aufmerksamkeit auf den Kampf der Palästinenser zu lenken.

 

Die selbsternannten Rächer des staatenlosen und entrechteten palästinensischen Volkes waren nun entschlossen, mit einem Terrorakt auf sich aufmerksam zu machen, der alle bis dato verübten Anschläge in den Schatten stellen sollte. Wenige Tage nach dem Treffen von Rom traf Abu Daud in München ein. Er kaufte Stadtpläne und erkundigte sich nach Hotels und Flügen von und nach München. Noch am selben Tag flog er nach Bulgarien weiter und erwarb dort Waffen für die geplante Aktion. In der Zwischenzeit wählte Abu Ijad die Mitglieder der Kommandotruppe aus, die das Attentat ausführen sollte.

 

Einen Monat vor Beginn der Spiele trafen sich Abu Ijad und Abu Daud zur Ausarbeitung zweier Kommuniqués mit den Forderungen der Attentäter, die der westdeutschen Polizei während der Operation übergeben werden sollten. Die geplante Aktion erhielt den Codenamen "Operation Ikrit und Birim", benannt nach zwei Dörfern christlicher Araber im Norden Israels, deren Bevölkerung 1948 von der israelischen Armee vertrieben worden war.

 

Nun mussten noch die Waffen nach Deutschland geschmuggelt werden. Das erledigte Abu Ijad persönlich, als er am 24. August 1972 von Algier kommend über Paris auf dem Flughafen Frankfurt am Main landete, in seiner Begleitung ein weiterer Mann und eine Frau sowie drei Koffer, zwei davon mit Maschinenpistolen gefüllt. Abu Ijad hatte Glück: Bei der Zollkontrolle musste nur einer der Koffer geöffnet werden, und dieser enthielt Damenwäsche. In der Ankunftshalle wurde er von Abu Daud erwartet, mit dem er nach München weiterreiste.

 

Am 26. August 1972, dem Tag der Eröffnungsfeier, brachte Abu Daud in seinem Gepäck zehn Handgranaten nach München. Sämtliche Waffen wurden in verschiedenen Schließfächern im Münchner Hauptbahnhof deponiert. Nach und nach trafen die Attentäter ein.

 

Am Abend des 4. September 1972, als sich die israelische Mannschaft im Deutschen Theater das Musical "Anatevka" ansah, traf sich die palästinensische Mannschaft in einem Münchner Restaurant, wo sie von Ali Hassan Salameh und Abu Daud letzte Instruktionen für die "Operation Ikrit und Birim" erhielt. Sämtliche Pässe wurden eingesammelt, um die Identität der Attentäter geheim zu halten. Die Aktion konnte beginnen.

 

Linkpfeil ARD-Interview mit Abu Daud (1996) (MP3-Datei)