Zeit und Ort (Das wirtschaftliche und politische Umfeld)
"Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der
In den Jahren von 1972 bis 1974 hat nach Beobachtungen verschiedener Historiker ein bemerkenswerter Bewusstseinswandel innerhalb der westlichen Industriestaaten stattgefunden: Die Dynamik der 60er Jahre mit ihrem fast unbegrenzten Zukunftsoptimismus und Fortschrittsglauben (im Juli 1969 hatte die erste Mondlandung stattgefunden) war innerhalb kurzer Zeit einem Stimmungsumschwung gewichen, der von Skepsis und Angst vor Wohlstandsverlust geprägt war. Der Grund für diesen Mentalitätswandel war neben der oben skizzierten Entwicklung auch der sukzessive Zusammenbruch des Weltwährungssystems von Bretton Woods und die im Herbst 1973 als Folge des Yom-Kippur-Krieges vom OPEC-Kartell ausgelöste Ölkrise. Es folgte eine weltweite Rezession mit Stagflation und steigender Massenarbeitslosigkeit. Diese Krise wurde in den folgenden Jahrzehnten von den OECD-Staaten mit "Konsum auf Pump" bei steigender Staatsverschuldung zwar gedämpft, sie hält im Grunde aber bis heute an.
Doch im olympischen Jahr 1972 war man in der Bundesrepublik durchaus noch optimistisch. Bis zum Sommer war die Öffentlichkeit von der Innenpolitik in Atem gehalten worden: Das gescheiterte Misstrauensvotum der CDU/CSU-Opposition gegen Bundeskanzler Brandt und das damit verbundene parlamentarische Patt im Bundestag, der Eiertanz der Unionsfraktion um die Ratifizierung der Ostverträge sowie der Rücktritt des angesehenen Wirtschaftsministers Karl Schiller hatten für unruhige Zeiten gesorgt. Kanzler Willy Brandt, der für seine Ostpolitik im Dezember 1971 den Friedensnobelpreis erhalten hatte, befand sich trotz allen politischen Ungemachs auf dem Höhepunkt seiner Popularität. Für die Dauer der Olympischen Spiele residierte er in Feldafing am Starnberger See in der von Willi Daume übernommenen Jugendstilvilla "Waldberta", um möglichst nahe am sportlichen Geschehen zu sein. Der bevorstehende Bundestagswahlkampf war noch nicht allzu spürbar, denn die Politiker zeigten sich unter dem Einfluss des olympischen Geistes milde gestimmt.
Staatsoberhäupter und Regierungschefs aus aller Welt gaben sich in Feldafing und München angesichts der geballten Ansammlung der bundesdeutschen Politprominenz während der Spiele die Klinke in die Hand; viele von ihnen nutzten die Gelegenheit zu einem Besuch der Wettkampfstätten. So erwies sich z.B. der britische Prinz Philipp als begeisterter Anhänger des Reitsports. Und Monacos Fürstin Gracia Patricia war beim Empfang des Bundespräsidenten in der Münchner Residenz am Abend nach der Eröffnungsfeier stilecht im bayerischen Dirndl zu bewundern.
Wenige Tage vor Beginn der Spiele wäre es fast zum Eklat gekommen, als die schwarzafrikanischen Mannschaften den Ausschluss Rhodesiens (heutiger Name: Simbabwe) forderten und mit einem Boykott der Spiele drohten. Das IOC beugte sich schließlich diesem politischen Druck und beschloss am 21. August 1972 mit 36 zu 31 Stimmen, die rhodesische Mannschaft, die bereits ihr Quartier im Olympischen Dorf bezogen hatte, von den Spielen auszuschließen (siehe Foto). Diese Entscheidung war ein klarer Verstoß gegen den im September 1971 auf dem Luxemburger Kongress gefassten Beschluss, Rhodesien als britische Kolonie mit britischer Fahne und Hymne bei den Spielen zuzulassen. Die schwarzafrikanischen IOC-Mitglieder hatten diesem Kompromiss in der Erwartung zugestimmt, dass die Rhodesier sich nicht selbst demütigen würden. Als sie es dennoch taten, drohten die afrikanischen Nationen lieber mit einem Boykott, als tatenlos der Teilnahme eines Landes zuzusehen, das noch unter Kolonialverwaltung stand. IOC-Präsident Avery Brundage sprach offen von politischer Erpressung. Aber der Burgfrieden war noch einmal gerettet, die Spiele konnten beginnen.