Zeit und Ort (Das wirtschaftliche und politische Umfeld)

Tauwetter in Politik und Sport: Deutsch-deutsche Annäherungen

 

"Die Durchführung der Olympischen Spiele in München würde der westdeutschen Seite neue propagandistische
Möglichkeiten geben, auf unsere Bevölkerung einzuwirken. Viele Bürger der DDR würden die Sportsendungen im
Westfernsehen verfolgen, um sich über die Vorbereitungen und Durchführung der Olympischen Spiele zu informieren."
Stellungnahme des NOK der DDR zur Bewerbung Münchens um die Olympischen Sommerspiele 1972, 14.01.1966

 

Einzug der DDR-Mannschaft
Die Vergabe der Olympischen Sommerspiele 1972 an die Bundesrepublik Deutschland war in der Zeit des Ost-West-Konflikts und vor dem Hintergrund einer bipolaren Weltordnung von Anfang an ein Politikum. Doch die Münchner Spiele profitierten von der Verbesserung des politischen Klimas zwischen Ost und West seit dem Ende der sechziger Jahre, was sich auch auf das Verhältnis der beiden deutschen Staaten zueinander positiv auswirkte. Somit war als "Nebenprodukt" der Entspannungspolitik ein günstiger Rahmen für die Olympischen Spiele 1972 entstanden. Auch die anfängliche Befürchtung, die Spiele könnten vom Ostblock boykottiert werden, war unbegründet: Zu groß waren die Aussichten der Ostblock-Mannschaften, zum Ruhme des Sozialismus mit Medaillen zu glänzen und einen gewaltigen Prestigeerfolg einzufahren. Der "politische Nervenkrieg" um Olympia erwies sich letztlich als Sturm im Wasserglas.

 

In den sechziger Jahren waren die Flagge und Hymne der DDR in der Bundesrepublik noch verboten. Um die Einhaltung des olympischen Protokolls zu gewährleisten, wurde am 2. Juli 1969 von der Bundesregierung eine Erklärung verabschiedet, die eine Duldung der DDR-Staatssymbole bei internationalen Sportveranstaltungen garantierte. Dabei hatte die DDR seit Dezember 1968 eine Medienkampagne mit der Fragestellung "Zweimal '36 gleich '72?" geführt, in Anlehnung an Hitlers Propagandaspiele von 1936. Dem Ostblock waren vor allem die in München ansässigen amerikanischen Sender "Radio Freies Europa" und "Radio Liberty" ein Dorn im Auge. Zudem hielt sich hartnäckig das Gerücht, die DDR wolle in Leipzig eine "Gegenolympiade" veranstalten. Unterstützung fand die Kampagne in der Bundesrepublik bei der DKP und ihren Sympathisanten, aber auch große Teile der Intellektuellen sowie die linke Studentenbewegung standen den Spielen in München ablehnend gegenüber.

 

In München gingen zum ersten Mal in der olympischen Geschichte zwei getrennte deutsche Teams als Vertreter zweier souveräner Staaten mit eigener Fahne und Nationalhymne an den Start. Tokio hatte im Jahr 1964 zum vorerst letzten Mal den Einzug einer gesamtdeutschen Mannschaft mit schwarz-rot-goldener Fahne und den olympischen Ringen als Wappen erlebt. Als gemeinsame Nationalhymne wurde die "Ode an die Freude" aus Beethovens 9. Sinfonie gespielt. Vier Jahre später in Mexiko waren Fahne und Hymne die gleiche geblieben, allerdings marschierten zwei deutsche Mannschaften in das Stadion ein. Die Olympischen Spiele von München dokumentierten die Teilung Deutschlands, politisch längst Realität, nun auch im sportlichen Bereich. Erst ab dem Jahr 1992 (nach der politischen Wende in der DDR und der Wiedervereinigung) sollte es wieder eine einzige deutsche Olympiamannschaft geben.

 

Die Schlachtenbummler aus der DDR, insgesamt etwa 2000 Personen, ausgewählt nach besonderen Verdiensten und überwiegend Männer, waren in Oberaudorf und Kiefersfelden untergebracht, rund 100 Kilometer von München entfernt. Die Begegnungen mit den Bundesbürgern gestalteten sich schwierig und wurden von den Gästen auf das Nötigste beschränkt. Wann immer DDR-Sportler erfolgreich waren, schallte es hinterher von den Rängen: „Sieben, acht, neun, zehn – Klasse!” Karl Eduard von Schnitzler hatte vor Beginn der Spiele im DDR-Fernsehen erklärt: „Der Kapellmeister soll in München gut unsere Hymne einstudieren; er wird sie oft spielen müssen.” Er sollte Recht behalten: Die DDR belegte in der Nationenwertung hinter der UdSSR und den USA einen beachtlichen dritten Platz; die Bundesrepublik erreichte Platz vier. Der östliche Teil Deutschlands hatte der Sportwelt gezeigt, wo der Hammer und der Zirkel hängt.

 

 

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